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Untersuchungen zur spanischen Kurzgeschichte der Gegenwart (1980-2010)

Definitionen, Analysen, Fallstudien

Christoph Rodiek

Zwischen 1980 und 2010 ist die spanische Kurzgeschichte endgültig aus dem Schatten des Romans herausgetreten. Die Gründe und Auswirkungen dieser Erfolgsgeschichte sind bisher kaum erforscht. Im ersten Teil der vorliegenden Untersuchung geht es um Gegenstandsfelder wie Gattungsdefinition, narrative Innovation, Rezeption in- und ausländischer Vorbilder, Gattungsmischung usw. Im zweiten Teil werden die Schreibweisen herausragender Autoren (z.B. Luis Mateo Díez, Javier Marías, José María Merino, Enrique Vila-Matas, Juan Eduardo Zúñiga) in Form ausführlicher Fallstudien analysiert.

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ZWEITER TEIL: TEXTANALYSEN

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127 Das Interesse an der Mitarbeit des Lesers bei der Sinnkonstitution eines Erzähl- textes ist im Verlaufe des 20. Jahrhunderts ständig gewachsen. Die Pragmatik der Lektüre ist mittlerweile gründlich erforscht, und die Einsicht, dass literari- sche Texte prinzipiell grenzenlos interpretierbar und konkrete Interpretationen immer nur eingeschränkt gültig sind, ist zur Binsenweisheit geworden. Dennoch sind Interpretationen weder überflüssig noch austauschbar. Zwar gehört jene de- finitive Lesart, die man als die einzig richtige bezeichnen könnte, in den Bereich der Utopie. Aber – so Eco (1999, 22) – „selbst der radikalste Dekonstruktivist akzeptiert die Vorstellung, dass es Interpretationen gibt, die völlig unannehmbar sind“. Heute besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass die der Aktivität des Rezipienten (intentio lectoris) gesetzten Grenzen nicht vom Autor (intentio auc- toris), sondern vom Text (intentio operis) gezogen werden.151 Am Anfang der Leseraktivität steht eine Vermutung über die intentio ope- ris. „Diese Vermutung muss vom Komplex des Textes als einem organischen Ganzen bestätigt werden“ (Eco 1999, 49). Zwar bringt der Leser individuelle Bedingtheiten und standpunktbedingte Interessen in die Konstruktion seiner Lesart ein, dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass Lexikoneinträge (Sig- nifikanten) in erster Linie einen wörtlichen Sinn haben und dass die Unterstel- lung übertragener Bedeutungen sorgfältig zu plausibilisieren ist. Hinzu kommt, dass die kulturellen Zusammenhänge, in denen die Produktion eines Textes er- folgt, sich von denen der Rezeption oft erheblich unterscheiden.152 In den folgenden Analysen ausgewählter Kurzgeschichten der spanischen Gegenwartsliteratur steht das...

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