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Preisgekrönte

Zwölf Autoren und Autorinnen von Paul Heyse bis Herta Müller- Ausgewählte Werke, sprachkritisch untersucht

Wolfgang Beutin

Karl Kraus entwickelte 1930 die Idee, das Œuvre eines zeitgenössischen deutschen Literaturnobelpreisträgers sprachkritisch zu untersuchen und zu fragen, ob es die Auszeichnung rechtfertige. Sprachkritik hieß in seiner Sicht nicht in erster Linie Feststellung von Verstößen gegen die Grammatik und Stilistik (dies nur dann, falls die Ehrung ausdrücklich mit der sprachlichen Meisterschaft eines Autors begründet wurde), sondern fungiert im weiteren Sinne als Stilkritik unter Einschluß der Kritik des Denkstils, die weiter zur Einschätzung der Denkweise führt (Ideologiekritik). In diesem Buch wird die Idee von Kraus ausweitend aufgenommen und auf ausgewählte Werke deutschsprachiger Autorinnen und Autoren des 20. Jahrhunderts angewendet. Sieben von ihnen erhielten den Literaturnobelpreis, und auch die fünf anderen Autoren gehören zu den meist ausgezeichneten mit teilweise Dutzenden von Literaturpreisen.

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Einleitung: Sprach-, Stil- und Ideologiekritik

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Zur Auswahl der zu untersuchenden Schriften Ich kann nicht leugnen, mein Mißtrauen gegen den Geschmack unserer Zeit ist bei mir vielleicht zu einer tadelnswürdigen Höhe gestiegen. Täglich zu sehen, wie Leute zum Namen Genie kommen, wie die Kellerassel zum Namen Tausendfuß, nicht weil sie so viel Füße haben, sondern weil die meisten nicht bis auf vierzehn zählen wollen, hat gemacht, daß ich keinem mehr ohne Prüfung glaube. Lichtenberg, Sudelbuch F, Nr. 971; hier nach dem Zitat von Karl Kraus in der „Fackel“ 912-915, S. 63 (Kellerassel: bei Lichtenberg = Plural, denn er hat eine alte Form des Lexems im Sinn: „Keller-Esel“) Nachdenkliche Beobachter der literarischen Szene – Karl Kraus nicht als einzi- ger – haben sich gelegentlich eine Frage gestellt, von der im vorliegenden Buch ausgegangen werden soll: Weshalb erhielten einige deutsche und deutschsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller den Literaturnobelpreis, welche Kriterien waren entscheidend dafür? Und weshalb erhielten ihn andere nicht? Übergangen worden sind z. B. (… keine komplette Liste …): Lou Andreas- Salomé, Marie von Ebner-Eschenbach, Ricarda Huch, Mechtilde Lichnowsky, Ernst Barlach, Brecht, Jakob Julius David, Freud, Stefan George, Kafka, Karl Kraus, Heinrich Mann, Wilhelm Raabe, Albert Vigoleis Thelen. Auch von den Schriftstellerpersönlichkeiten anderer Nationen gingen einige der exzellentesten leer aus; um nur eine Handvoll zu benennen: Joyce, Josef Svatopluk Machar – zur Erinnerung: einer der größten Lyriker und Prosa-Autoren des 20. Jahrhun- derts –, John Cowper Powys, Proust, Simonow, Primo Levi. Unter den Ausgezeichneten deutscher Sprache befanden sich immerhin drei vorzügliche Stilisten: Theodor Mommsen, Thomas...

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