Show Less

Preisgekrönte

Zwölf Autoren und Autorinnen von Paul Heyse bis Herta Müller- Ausgewählte Werke, sprachkritisch untersucht

Wolfgang Beutin

Karl Kraus entwickelte 1930 die Idee, das Œuvre eines zeitgenössischen deutschen Literaturnobelpreisträgers sprachkritisch zu untersuchen und zu fragen, ob es die Auszeichnung rechtfertige. Sprachkritik hieß in seiner Sicht nicht in erster Linie Feststellung von Verstößen gegen die Grammatik und Stilistik (dies nur dann, falls die Ehrung ausdrücklich mit der sprachlichen Meisterschaft eines Autors begründet wurde), sondern fungiert im weiteren Sinne als Stilkritik unter Einschluß der Kritik des Denkstils, die weiter zur Einschätzung der Denkweise führt (Ideologiekritik). In diesem Buch wird die Idee von Kraus ausweitend aufgenommen und auf ausgewählte Werke deutschsprachiger Autorinnen und Autoren des 20. Jahrhunderts angewendet. Sieben von ihnen erhielten den Literaturnobelpreis, und auch die fünf anderen Autoren gehören zu den meist ausgezeichneten mit teilweise Dutzenden von Literaturpreisen.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

Paul Heyse (1830-1914): Das Wirkliche zur Schönheit läutern

Extract

Bei Lebzeiten umstritten, danach rasch vergessen „Gegen Todte sei unerbittlich“1, gab er einstmals als Parole aus, womit er der Konvention widersprach, die es verbietet, Verstorbenen Böses nachzusagen.2 Ihm selber, dem Dichter Paul Heyse, war man seitens der Naturalisten be- reits vor seinem Tode unerbittlich begegnet, mit Spott, Häme und Verachtung. In Gedanken daran verfaßte der Dichter Otto Julius Bierbaum 1900 scher- zend einige Verse über „unser Goethchen“, wie er sagte, um hiernach selbstkri- tisch fortzufahren3: Es war einmal ganz im Stile und recht und billig, den Liebling der deutschen Da- menwelt so schnöde zu behandeln und aus dem Grunde empörter Seelen zu verach- ten; damals, als der Naturalismus seine heilsamen Mistbeete über das Land breitete und M. G. Conrad in Wasserstiefeln die riesige Jauchenkanne handhabte, während Karl Bleibtreu abwechselnd mit Conrad Alberti die Mistgabel schwang. Die durften den zärtlichen Paul mit Erdklößen bewerfen und die Hemdsärmel aufstreifen, ihn herausfordern, gefälligst auch mal seinen Bizeps sehen zu lassen. Aber jetzt? Wo Carl Busse über die Jupons herrscht, wo der Erdgeruch längst von Corylopsis, von Ylang-Ylang und Odeur d’Aphrodite verdrängt ist, wo Gerhart Hauptmann so blü- merant schlechte Verse säuselt, wie Heyse es nie getan hätte … wo die jüngsten Ly- riker sich anstellen, als hätten sie keine Beine, sondern Lilienstengel – jetzt, jetzt sollte man Paul Heyse bespötteln dürfen? Es wäre angebrachter, ihn zu rühmen. Der hier als Mistgabelschwinger erwähnte...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.