Show Less

Der Schriftsteller als Geschichtsschreiber und Ethnograph

Eine kulturwissenschaftliche Studie zu Uwe Timms "Morenga</I>

Series:

Christine Ott

Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive wird an Morenga von Uwe Timm untersucht, wie der Autor auf das kulturelle Wissen über Kolonialvergangenheit sowie Selbst- und Fremdbilder einzuwirken versucht. Die Studie arbeitet in einer umfassenden Kontextanalyse heraus, wie Timm in der Fiktion Historie umschreibt und die Leserschaft zu einer kritischen Sicht auf die deutsche Kolonialvergangenheit anleitet. Fast nebenbei wird dabei in Morenga die Gattung des historischen Romans erneuert. Weiterhin geht die Studie der Frage nach, welche Funktion Konzeptionen von Alterität und Identität im kolonialen Herrschaftsdiskurs einnehmen. Timm nimmt hier, wie gezeigt wird, postkoloniale Theoreme vorweg und verhandelt in der Figur Gottschalk Möglichkeiten und Grenzen des Fremdverstehens.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

3 Das Subjekt zwischen ‚Eigenem‘ und ‚Fremdem‘

Extract

Im ersten thematischen Teil der Studie wurde erarbeitet, wie Uwe Timm auf das kulturelle Wissen über die koloniale Vergangenheit der Deutschen einwirkt oder immerhin einzuwirken versucht. In Morenga wird gleichzeitig exemplarisch verhandelt, wie ein Europäer mit ihm unbekannten Kulturen umgehen kann, wie er überhaupt über sie sprechen kann. Der Schriftsteller nimmt hier die Rolle des Ethnographen ein, der über das ‚Fremde‘ schreibt, es teilnehmend beobachtet und die Beobachtungen mitteilt. Seine Beschreibungen sollen die Leserschaft zur Auseinandersetzung anregen.189 Wie wird nun das ‚Fremde‘ in Morenga dargestellt, wie erfahren und werten es einzelne Figuren? Wird kulturelle ‚An- dersheit‘ markiert, kritisch hinterfragt oder destabilisiert? 3.1 Die Herabsetzung der ‚Fremde‘ Wichtige Triebfeder für die Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangen- heit war für Timm die Frage nach der Mentalität, die Menschen dazu bewegen kann, emotionslos und in letzter Konsequenz gegen andere Bevölkerungsgrup- pen vorzugehen. Der Protagonist Gottschalk stellt ähnliche Fragen in seinem Tagebuch, ohne eine Antwort zu formulieren.190 Im folgenden Kapitel ist her- auszuarbeiten, wie sich die Deutschen in ihrer Rolle als Kolonialmacht in eine anderen übergeordnete Position zu erheben versuchen und wie Herrschaftsdis- kurs und Gewaltlegitimation zusammenhängen. In der Studie Orientalism, dem „Gründungsdokument“191 der postkolonialen Theorie, beschreibt Edward Said, wie ein solcher Herrschaftsdiskurs etabliert wird. Da er darin grundlegende Prozesse beschreibt, die nicht nur im Verhältnis von ‚Orient‘ zu ‚Okzident‘ zum Tragen kommen, sondern in kolonialen Bezie- hungen generell, wird ‚Orient‘ in dieser Arbeit in der Bedeutung von ‚Fremde‘, das ‚Andere‘, Nicht-Europa verstanden und verwendet....

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.