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Der Schriftsteller als Geschichtsschreiber und Ethnograph

Eine kulturwissenschaftliche Studie zu Uwe Timms "Morenga</I>

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Christine Ott

Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive wird an Morenga von Uwe Timm untersucht, wie der Autor auf das kulturelle Wissen über Kolonialvergangenheit sowie Selbst- und Fremdbilder einzuwirken versucht. Die Studie arbeitet in einer umfassenden Kontextanalyse heraus, wie Timm in der Fiktion Historie umschreibt und die Leserschaft zu einer kritischen Sicht auf die deutsche Kolonialvergangenheit anleitet. Fast nebenbei wird dabei in Morenga die Gattung des historischen Romans erneuert. Weiterhin geht die Studie der Frage nach, welche Funktion Konzeptionen von Alterität und Identität im kolonialen Herrschaftsdiskurs einnehmen. Timm nimmt hier, wie gezeigt wird, postkoloniale Theoreme vorweg und verhandelt in der Figur Gottschalk Möglichkeiten und Grenzen des Fremdverstehens.

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4 Schluss

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Die Resonanz auf Morenga im Feuilleton war gewaltig. Fast alle größeren Print- und Hörfunkmedien berichteten.308 Der Roman hat die deutsche Schuldfrage im Kolonialkrieg gegen die Herero und Nama in die Öffentlichkeit seiner Leser- schaft sowie der rezensierenden Medien getragen. Er fordert zur Aufarbeitung dieser Phase deutscher Expansionspolitik auf und zu einer Korrektur der verbrei- teten Vorstellung, dass die Kolonialvergangenheit der Deutschen zwar wenig ruhmvoll war, aber weitestgehend unkritisch zu betrachten sei. Literatur vermag dazu möglicherweise effektiver anregen als die wissen- schaftliche Geschichtsschreibung, weil sie von Individuen und deren Emotionen erzählt. Sie schafft den Leserinnen und Lesern einen emotionaleren Zugang zum Stoff, wodurch sie zur nachhaltigen Reflexion bewegt und auf das Selbstbild der Deutschen als ehemalige ‚Kolonialmacht‘ einwirkt, hofft Timm.309 Die Erzäh- lungen des Roten Afrikaners bieten einen solchen Zugang, wie ihn die Historio- graphie nicht vermitteln kann. In ihnen transportiert der Autor die Eigenge- schichtlichkeit der indigenen Kultur, für die er die Rezipientinnen und Rezipien- ten sensibilisieren möchte. Die Erzählweise spielt in Morenga maßgeblich in den Einwirkungsprozess auf das kulturelle Wissen herein. Timm setzt auf die Veränderbarkeit von Ge- schichtsbildern auf diskursivem Weg. Er lässt sowohl die Seite der Deutschen als auch die der Nama und Herero zu Wort kommen. Phantastische sowie dem Erzählton der Oralität angelehnte Passagen erweitern den kolonialen Diskurs und treten mit Aussagen der Kolonisierenden in den Dialog. Das Pendel schlägt nicht zugunsten der Deutschen aus: Die Kolonisierung erscheint in Morenga als unrechtm...

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