Show Less

Seesturm im Mittelalter

Ein literarisches Motiv im Spannungsfeld zwischen Topik, Erfahrungswissen und Naturkunde

Series:

Carola Fern

Schilderungen von stürmischem Meer sind in der Literatur des Mittelalters weit verbreitet, bislang aber von der Forschung stark vernachlässigt worden. Diese Arbeit erschließt der Mediävistik ein neues Motiv und mit diesem einen neuen Blickwinkel auf die Forschung zur Naturwahrnehmung im Mittelalter. Das geschieht durch einen kommentierten Katalog literarischer Seesturmschilderungen und durch Analysen einer Stichprobenauswahl aus dem 9. bis zum 16. Jahrhundert. Alle Seesturmschilderungen werden im Hinblick auf die Topik des Motives, auf die Verarbeitung naturphilosophischer und technischer Entwicklungen der jeweiligen Entstehungszeit, auf den Realitätsgehalt der Schilderung und die Funktion des Motivs für die Gesamtkomposition und Deutung des jeweiligen Werkes hin untersucht. Der interdisziplinäre Ansatz kommt zu neuen Ergebnissen, die die bisherige Sicht auf Naturwahrnehmung im Mittelalter modifiziert.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

I. Literarästhetische Zusammenhänge des Seesturmmotivs jenseits von Textsortengrenzen

Extract

1. Definition eines Seesturms Um eine einheitliche Diskussionsgrundlage zu schaffen, muss zunächst einmal festgestellt werden, was als Seesturm zu werten ist und was nicht. Ein Seesturm ist das Zusammenspiel von meteorologischen Erscheinungen und deren Folgen für eine größere Wasserfläche wie dem Meer oder einem größeren Binnensee. Dabei können die meteorologischen Erscheinungen durchaus variieren. Gewitter können dazugehören, aber auch genauso Sonnenschein. Als konstituierendes Ele- ment darf nur der Wind nicht fehlen. In der Seefahrt gilt eine Windstärke ab 8 Beau- fort als Sturm. Natürlich erzeugt so ein Wind auf dem Wasser Wellen, die zu einem Seesturm immer dazugehören, deren Höhe aber auch von der Tiefe des Gewässers, Inseln, Küstenlinien und Strömungen beeinflusst wird. Von Seestürmen abzugren- zen sind andere durch das Meer verursachte Katastrophen, die zwar aufgrund von Wellen hervorgerufen werden, wobei aber diese Wellen nicht von Sturm erzeugt wurden, sondern von Seebeben, wie z.B. Tsunamies. Solche kommen in der mit- telalterlichen Literatur aber nicht vor. Eine Ausnahme bildet eventuell „Brandans Meerfahrt“, in der ein Riesenfisch eine Art Tsunami erzeugt. Damals glaubte man, dass Erdbeben von einem großen Fisch unterhalb der Erde erzeugt würden. Even- tuell stehen diese Legende und das Motiv in Brandans Meerfahrt in Zusammen- hang. Mitte des 14. Jahrhunderts weist Konrad von Megenberg diesen alten Erklä- rungsversuch in seinem „Buch der Natur“ zurück.19 2. Der 106. Psalm Die Verbreitung des Seesturmmotivs in der deutschsprachigen Literatur des Mit- telalters...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.