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Seesturm im Mittelalter

Ein literarisches Motiv im Spannungsfeld zwischen Topik, Erfahrungswissen und Naturkunde

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Carola Fern

Schilderungen von stürmischem Meer sind in der Literatur des Mittelalters weit verbreitet, bislang aber von der Forschung stark vernachlässigt worden. Diese Arbeit erschließt der Mediävistik ein neues Motiv und mit diesem einen neuen Blickwinkel auf die Forschung zur Naturwahrnehmung im Mittelalter. Das geschieht durch einen kommentierten Katalog literarischer Seesturmschilderungen und durch Analysen einer Stichprobenauswahl aus dem 9. bis zum 16. Jahrhundert. Alle Seesturmschilderungen werden im Hinblick auf die Topik des Motives, auf die Verarbeitung naturphilosophischer und technischer Entwicklungen der jeweiligen Entstehungszeit, auf den Realitätsgehalt der Schilderung und die Funktion des Motivs für die Gesamtkomposition und Deutung des jeweiligen Werkes hin untersucht. Der interdisziplinäre Ansatz kommt zu neuen Ergebnissen, die die bisherige Sicht auf Naturwahrnehmung im Mittelalter modifiziert.

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II. Forschungsüberblick

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1. Überblick über die bisherige Forschung zum Seesturmmotiv in der deutschen Literatur des Mittelalters Streng genommen ist die Überschrift dieses Abschnitts irreführend, da es, wie schon erwähnt, eine direkte Forschung zum Seesturmmotiv in der mittelhochdeut- schen Literatur noch gar nicht gibt, obwohl es gerade auch in der Literatur des Mittelalters weit verbreitet ist. Es findet sich schon in althochdeutscher Zeit z.B. im „Heliand“. Viele berühmte Werke der höfischen Zeit enthalten Seesturmszenen, wie Wolframs „Parzival“, Gottfrieds „Tristan“, Hartmanns „Gregorius“ und Velde- kes „Eneas“. Aus der nachhöfischen Zeit lassen sich z.B. die „Kudrun“, Ulrich von dem Türlins „Arabel“ und der „Guote Gerhart“ nennen und aus dem späten Mittelalter so bedeutende Werke wie Sebastian Brants „Narrenschiff“.32 Das häu- fige Vorkommen dieses Motivs in der Dichtung steht aber in keinem Verhältnis zu dessen Erwähnung in der Forschung. Gestreift wird das literarische Seesturmmotiv manchmal von Historikern oder Philosophen. Delumeau z.B. setzt sich mit der Geschichte der Angst auseinander und stellt nach einer überblickhaften Betrachtung sowohl literarischer als auch anderer Quellen die These von einem mittelalterlichen Wahrnehmungstopos für das Meer auf. Das Meer und speziell das stürmische sei im Mittelalter und bis weit in die Neuzeit hinein als Ort des Urchaos’, des Bösen, der Zerstörung und der Gefahr, ja des Todes dargestellt worden. Sturm sei mit Sünde, Verdammnis und Wahnsinn in Verbindung gebracht worden. Zu diesem Wahrnehmungstopos be- hauptet Delumeau auch noch einen Darstellungstopos. « Soudaineté, bourrasques tourbillonnantes, vagues immenses qui...

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