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Die Stimme des Körpers

Vokalität im Theater der Physiologie des 19. Jahrhunderts

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Petra Bolte-Picker

Physiologen des 19. Jahrhunderts produzieren in vielfältigen Experimenten Stimmen aus Leichen und Leichenteilen, welche die rhetorische Einheit von Stimme, Körper und Sprache in Frage stellen. Die Autorin legt vor dem Hintergrund analytischer Theatralität eine detaillierte Diskursanalyse dieser Experimente vor, die deren vorwissenschaftlichen Horizont sowie einen Vergleich mit literarischen und gesellschaftlichen Stimm- und Wahrnehmungsmodellen fokussiert. Die Ergebnisse ihrer Analysen führen, jenseits von Frequenz und Maschine, zu einer anderen Einschätzung des 19. Jahrhunderts sowie zu einer gesellschaftlich wirksamen Definition von Stimme, welche die theoretische Grundlage für ein Theater der Wissenschaft bereit stellt.

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Vorwort

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Nach einer Aufführung von „Don Quijote“ in der Inszenierung der belgischen Regisseurin und Choreographin Grace Ellen Barkey (Needcompany) Mitte der 1990er Jahre in Rotterdam/Niederlande, in der ich die weibliche Hauptrolle spielen und tanzen durfte, trat die Kritikerin einer namhaften niederländischen Zeitung an mich heran: Es sei sehr lobenswert, dass ich als Deutsche in der nie- derländischen Adaption der Inszenierung große Teile nicht nur in englischer, sondern auch in der Landessprache spielte, aber dennoch kämen ihr Zweifel, ob dies für sie als Niederländerin akzeptabel sei. Zwar sei meine Aussprache kor- rekt und gut, doch klinge meine Stimme – sie meinte: Rhythmus, Betonung, d.h. die Prosodie – viel zu deutsch, und das sei doch dasselbe wie die Besetzung der Niederlande durch die Deutschen im Nationalsozialismus – nur auf der Ebene von Sprache und Stimme. Das hatte ich nicht gewollt, doch die Vehemenz ihres am Tag darauf erschienenen Presseartikels schien ihrem zuvor geäußerten Ein- druck Recht zu verleihen. Niedergeschmettert von der scheinbar offenkundigen politischen Aussage meines Spiels und völlig überfordert von der komplett unbeabsichtigten Aktivie- rung eines kollektiven, historischen Gedächtnisses durch meine Performance zog ich es von nun an vor, in anderen Inszenierungen „weniger deutsch“ zu sein, mich weniger deutsch zu denken. Ich spielte in englischer und französischer Sprache, wenn es sein musste auch niederländisch und fragte mich eine mir un- bekannte Person nach meiner Herkunft, log ich – jung und ausreichend begabt –, ich sei aus vielfältigen Gründen osteuropäisch. Mit Erfolg:...

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