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Die Stimme des Körpers

Vokalität im Theater der Physiologie des 19. Jahrhunderts

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Petra Bolte-Picker

Physiologen des 19. Jahrhunderts produzieren in vielfältigen Experimenten Stimmen aus Leichen und Leichenteilen, welche die rhetorische Einheit von Stimme, Körper und Sprache in Frage stellen. Die Autorin legt vor dem Hintergrund analytischer Theatralität eine detaillierte Diskursanalyse dieser Experimente vor, die deren vorwissenschaftlichen Horizont sowie einen Vergleich mit literarischen und gesellschaftlichen Stimm- und Wahrnehmungsmodellen fokussiert. Die Ergebnisse ihrer Analysen führen, jenseits von Frequenz und Maschine, zu einer anderen Einschätzung des 19. Jahrhunderts sowie zu einer gesellschaftlich wirksamen Definition von Stimme, welche die theoretische Grundlage für ein Theater der Wissenschaft bereit stellt.

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Kapitel I: Dazwischen die Stimme

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Die in wissenschaftlichen Diskursen verwendeten Begriffe befinden sich im kontinuierlichen Wandel und skizzieren ein vielfältig semantisches Feld. Über regelmäßig wiederkehrende Aussagen, Bilder und Wortfelder wird ein wissen- schaftliches Idiom erfunden, mit dem einerseits dem sprachlichen Signifikanten über seine alltägliche Verwendung hinausgehend weitere Signifikate unter der Prämisse des Erkenntnisgewinns beigemessen werden können.34 Andererseits wird zugleich eine Terminologie festgelegt, die eine eindeutige Kommunikation innerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft ermöglichen und den Fortschritt des Denkens einleiten soll.35 Wie Judith Schlanger herausgearbeitet hat, ist diese Konzeption jedoch von folgenschwerer Bedeutung für die episte- mische Aussage: Nicht die theoretische Argumentation bestimmt den wissen- schaftlichen Diskurs, sondern sein rhetorisches Dispositiv eines parler pour.36 Denn unter Anwendung von rhetorischen Kategorien lässt sich auch festlegen, was im Diskurs als „gute” Theorie befunden wird: Was überzeugend mitgeteilt worden ist, gilt im wissenschaftlichen Diskurs bereits als richtig. In diesem Sin- ne kann sogar die wissenschaftliche Methode dem dominierenden rhetorischen Diskurs untergeordnet werden, denn sie zielt auf ihn ab und begünstigt die Ar- gumente, die als Ergebnis der Erkenntnis angeführt werden. In dieser Hinsicht ist die Wissensgemeinschaft eine rhetorisch fundierte Gemeinschaft, deren Be- zugssysteme kritisch betrachtet werden sollten. Ihr Diskurs erweist sich als ein gesellschaftlicher Diskurs, dessen Sprache erkennen lässt, was als explizites Modell wirksam ist.37 Insbesondere die Verwendung von Metaphern im wissenschaftlichen Dis- kurs erscheint von Bedeutung, da sie einen Modus des Sagens erkennen lassen, der in das wissenschaftliche Denken eingeht.38 Die Metapher verdichtet die 34 In der Konzeption von Gaston...

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