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Die Stimme des Körpers

Vokalität im Theater der Physiologie des 19. Jahrhunderts

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Petra Bolte-Picker

Physiologen des 19. Jahrhunderts produzieren in vielfältigen Experimenten Stimmen aus Leichen und Leichenteilen, welche die rhetorische Einheit von Stimme, Körper und Sprache in Frage stellen. Die Autorin legt vor dem Hintergrund analytischer Theatralität eine detaillierte Diskursanalyse dieser Experimente vor, die deren vorwissenschaftlichen Horizont sowie einen Vergleich mit literarischen und gesellschaftlichen Stimm- und Wahrnehmungsmodellen fokussiert. Die Ergebnisse ihrer Analysen führen, jenseits von Frequenz und Maschine, zu einer anderen Einschätzung des 19. Jahrhunderts sowie zu einer gesellschaftlich wirksamen Definition von Stimme, welche die theoretische Grundlage für ein Theater der Wissenschaft bereit stellt.

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Kapitel II: Archäologie eines Imaginären der Stimme

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Bevor in diesem Kapitel der methodische Rahmen für die folgenden Analysen skizziert wird, soll mit einer kurzen Passage aus Sophokles „König Ödipus” (430 v. Chr.) in die Thematik eingeführt werden. Denn wie ein Phantom lassen sich hinter den Experimenten im Theater der Physiologie des 19. Jahrhunderts immer wieder strukturelle Aspekte des Theatertextes (Dialogführung) sowie Motive des Ödipus-Mythos feststellen, die in ihrer Gesamtheit signifikant wir- ken und zur theatral-analytischen Befragung der physiologischen Stimmexperi- mente konstitutiv beitragen. In dieser mythologischen Ouvertüre wird folgendes Zitat des Teiresias aus Sophokles „König Ödipus” als szenisches (Denk-) Modell vorgestellt: „Ich wäre nicht gekommen, wenn nicht du mich riefst!“ (Teiresias zu Ödipus).252 Dabei gehe ich von der Hypothese des von Claude Lévi-Strauss beschriebe- nen produktiven, „mythischen Denkens” aus, das imaginäre Bilder antizipiert, mit denen es jedoch nie zur Kongruenz gelangen kann. So entspräche in der fol- genden theoretischen Diskussion die Aussage des Teiresias dieser, die Fragestel- lungen des stimmphysiologischen Diskurses implizit strukturierenden, Szene.253 I. Struktur eines möglichen Nicht-Erscheinens: Teiresias sehen, Ödipus hören Die Antwort des Teiresias an Ödipus liest sich wie ein Ereignis, dem ein vokaler Austausch vorausgegangen ist. Zunächst scheinen sich aus diesem Spiel diejeni- gen dialogischen Funktionen einzulösen, die den appellativen Funktionen der Stimme entsprechen: Dem hörbaren Ruf (des Ödipus) folgt die Handlung (Tei- 252 Sophokles, König Ödipus, nach der Biblioteca teubneriana übersetzt von Wolfgang Schadewaldt (Frankfurt a. M. 1960), S. 26 (dort: II, 2). Auch andere Übersetzungen...

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