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Die Stimme des Körpers

Vokalität im Theater der Physiologie des 19. Jahrhunderts

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Petra Bolte-Picker

Physiologen des 19. Jahrhunderts produzieren in vielfältigen Experimenten Stimmen aus Leichen und Leichenteilen, welche die rhetorische Einheit von Stimme, Körper und Sprache in Frage stellen. Die Autorin legt vor dem Hintergrund analytischer Theatralität eine detaillierte Diskursanalyse dieser Experimente vor, die deren vorwissenschaftlichen Horizont sowie einen Vergleich mit literarischen und gesellschaftlichen Stimm- und Wahrnehmungsmodellen fokussiert. Die Ergebnisse ihrer Analysen führen, jenseits von Frequenz und Maschine, zu einer anderen Einschätzung des 19. Jahrhunderts sowie zu einer gesellschaftlich wirksamen Definition von Stimme, welche die theoretische Grundlage für ein Theater der Wissenschaft bereit stellt.

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Kapitel III: Das Theater der Physiologie

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I. Das gesellschaftliche Imaginäre La Dixneuviémité und der (vor-) wissenschaftliche Geist Anhand der von Philippe Muray vorgeschlagenen Analyse des 19. Jahrhunderts wird zunächst ein gesellschaftliches Wahrnehmungsdispositiv dargelegt, das in die physiologischen Stimmexperimente dieser Zeit einzieht. Nach Muray lassen sich die Kennzeichen einer Epoche nicht über die zeitliche Begrenzung bestim- men. Vielmehr sollten zum Beispiel sich verdichtende Ereignisse und Perspekti- ven, Haltungen und Entscheidungen, eine spezifische Sinn- und Zeichenkonsti- tution, vordergründige Empfindungsmuster und Haltungen oder Entscheidungen analysiert werden im Hinblick auf ihr diskontinuierliches Erscheinen, das eine gesellschaftliche Aussage „à travers les âges“ erlaubt und zur Formulierung ei- nes Dispositivs der betreffenden Epoche beiträgt. Auf dieser methodologischen Grundlage führt Muray für das 19. Jahrhundert das Dispositiv der dixneuviémité ein.352 Ausgehend von der Hypothese, dass die Französische Revolution und die damit verbundene Beseitigung des ancien régime nur Resultat, nicht aber Kata- lysator für die geistigen Umwälzungen und die neue Vernunftordnung des 19. Jahrhunderts sei,353 stellt Muray ein anderes Ereignis ins Zentrum seiner Analy- se: Am 7. April 1786 wird in Paris Le cimétière des Innocents (der Friedhof der Unschuldigen) abgetragen und die Toten umgebettet in die Katakomben unter- halb der Stadt.354 Der Friedhof der Unschuldigen gilt als der größte innerstädti- sche Friedhof in Paris und zugleich als Bestattungsvorbild für zum Beispiel Friedhöfe in Deutschland. Er beherbergt bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts ein Zehntel aller Leichname in Paris. Die Masse schlecht vergrabener Leichname versch...

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