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Die Stimme des Körpers

Vokalität im Theater der Physiologie des 19. Jahrhunderts

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Petra Bolte-Picker

Physiologen des 19. Jahrhunderts produzieren in vielfältigen Experimenten Stimmen aus Leichen und Leichenteilen, welche die rhetorische Einheit von Stimme, Körper und Sprache in Frage stellen. Die Autorin legt vor dem Hintergrund analytischer Theatralität eine detaillierte Diskursanalyse dieser Experimente vor, die deren vorwissenschaftlichen Horizont sowie einen Vergleich mit literarischen und gesellschaftlichen Stimm- und Wahrnehmungsmodellen fokussiert. Die Ergebnisse ihrer Analysen führen, jenseits von Frequenz und Maschine, zu einer anderen Einschätzung des 19. Jahrhunderts sowie zu einer gesellschaftlich wirksamen Definition von Stimme, welche die theoretische Grundlage für ein Theater der Wissenschaft bereit stellt.

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Kapitel IV: Die Entdeckung einer Stimme des Körpers

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Da, wie gezeigt wurde, der vitalistisch-physiologische Diskurs den kontextuel- len Diskurshorizont für wissenschaftliche Experimente liefert, gilt es nun, die verschiedenen Stimmexperimente in ihrem Verhältnis zu ihm zu analysieren. Es wird darum gehen, das von ihm ausgeschlossene Heterogene als Stimme des Körpers zu fokussieren und die unterschiedlichen Stimm- und Körperkonzeptio- nen herauszuarbeiten. I. Schnitt/Schrei: François Magendie Seit 1821 ist François Magendie (1783 – 1855) Mitglied der Pariser Akademie der Wissenschaften, die seit dem 18. Jahrhundert bekannt geworden ist für Prak- tiken im Bereich systematischer Tierexperimente und Vivisektionen. Seine Ver- suche liefern zu Beginn des 19. Jahrhunderts wichtige Erkenntnisse über anato- mische und physiologische Zusammenhänge, die ihm den Ruf eines der wich- tigsten Anatomen und Physiologen seiner Zeit einbringen. Seine Vorlesungen finden weit über den französischsprachigen Raum statt und werden auch in deutscher Übersetzung in mehreren Auflagen verbreitet.533 Magendie kann sich der Faszination des Forschungsfeldes Stimme kaum entziehen. Immer wieder finden sich in seinen Veröffentlichungen Hinweise auf ein drängendes Erkenntnisinteresse an der Produktion vokaler Klänge und Ge- räusche. Wie er bereits im Jahr 1814 schreibt, drängen sich oft Erkenntnisse über die Stimme und ihre Produktion seinem eigentlich gesetzten Gegenstand (der Untersuchung der Nahrungsaufnahme sowie der Abläufe im Verdauungs- apparat) geradezu auf und vereinnahmen fortan sein Denken: „Es ist begreiflich, daß ich diese anatomischen und physiologischen Untersuchungen nicht habe anstellen können, ohne zugleich einige Beobachtungen zu machen, die Bezug auf die Stimme und den Mechanismus ihrer Bildung haben...

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