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Die Stimme des Körpers

Vokalität im Theater der Physiologie des 19. Jahrhunderts

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Petra Bolte-Picker

Physiologen des 19. Jahrhunderts produzieren in vielfältigen Experimenten Stimmen aus Leichen und Leichenteilen, welche die rhetorische Einheit von Stimme, Körper und Sprache in Frage stellen. Die Autorin legt vor dem Hintergrund analytischer Theatralität eine detaillierte Diskursanalyse dieser Experimente vor, die deren vorwissenschaftlichen Horizont sowie einen Vergleich mit literarischen und gesellschaftlichen Stimm- und Wahrnehmungsmodellen fokussiert. Die Ergebnisse ihrer Analysen führen, jenseits von Frequenz und Maschine, zu einer anderen Einschätzung des 19. Jahrhunderts sowie zu einer gesellschaftlich wirksamen Definition von Stimme, welche die theoretische Grundlage für ein Theater der Wissenschaft bereit stellt.

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Kapitel V: Die Stimme und ihr Doppel: Emil Sutro

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Der deutsche Emigrant Emil Sutro (1832 – 1906) verfasst in den Vereinigten Staaten von Amerika im Jahr 1899 die Schrift Duality of the voice, die 1902 in deutscher Übersetzung vom Verlag Fussinger in Berlin unter dem Titel Das Doppelwesen der menschlichen Stimme – Versuch einer Aufklärung über das seelische Element in der Stimme erscheint. Anlass seiner Forschungen zur Stimme ist die von ihm als absolut erfahrene Unmöglichkeit, als fremdsprachi- ger Deutscher die englische Sprache idiomatisch korrekt aussprechen zu können. Mit dem Ziel, sich auch als Immigrant „wie ein geborener Engländer“ sprachlich ausdrücken zu können (rhetorisches Modell des parler pour), untersucht Sutro die deutsche Sprache im Vergleich zur englischen und erfindet so eine eigene Physiologie der Stimme, des Sprechens und des Körpers.798 Zugleich entwirft Sutro eine andere Anatomie des Körpers als Gegenentwurf zur physiologischen Episteme seiner Zeit. Sutros Konzeption der Stimme ist ein Beispiel für ein theoretisches Denken, das sich dem von Gaston Bachelard analysierten wissenschaftlichen Geist und dem von Auguste Comte geforderten Kampf gegen ein Imaginäres in der Wis- senschaft entgegenstellt.799 Zwar greift Sutro in seinen Texten Strategien und Denkbilder auf, die an die physiologischen Stimmexperimente mit den Leichen- kehlköpfen und ihren Vorläufern erinnern, doch fügen sich weder seine Konzep- tion noch seine theoretischen Ergebnisse einem eindeutig rhetorischen Disposi- tiv, und dies trotz seiner klar formulierten Zielsetzung. Das Werk Emil Sutros ist das Ergebnis multipler Diskurse und kann nur entschlüsselt werden unter An- wendung multipler Codes. Gerade deshalb...

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