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Die Stimme des Körpers

Vokalität im Theater der Physiologie des 19. Jahrhunderts

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Petra Bolte-Picker

Physiologen des 19. Jahrhunderts produzieren in vielfältigen Experimenten Stimmen aus Leichen und Leichenteilen, welche die rhetorische Einheit von Stimme, Körper und Sprache in Frage stellen. Die Autorin legt vor dem Hintergrund analytischer Theatralität eine detaillierte Diskursanalyse dieser Experimente vor, die deren vorwissenschaftlichen Horizont sowie einen Vergleich mit literarischen und gesellschaftlichen Stimm- und Wahrnehmungsmodellen fokussiert. Die Ergebnisse ihrer Analysen führen, jenseits von Frequenz und Maschine, zu einer anderen Einschätzung des 19. Jahrhunderts sowie zu einer gesellschaftlich wirksamen Definition von Stimme, welche die theoretische Grundlage für ein Theater der Wissenschaft bereit stellt.

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Kapitel VI: Die Stimme im Anderen – Fazit und Ausblick

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Die Physiologie ist im 19. Jahrhundert im Begriff, sich als Disziplin zu autono- misieren und deshalb noch nicht den Prozessen unterworfen, die den wissen- schaftlichen Geist vom Imaginären befreien sollen. Aus heutiger Perspektive ist dies ein entscheidender Vorteil für die Analyse der Stimmexperimente als expé- rience, da der physiologische Diskurs des 19. Jahrhunderts ein Modell dafür lie- fert, wie sich das Imaginäre der Stimme und das mit ihm ausgeschlossene Be- gehren des Wissenschaftlers verschieben und sich als das Heterogene des wis- senschaftlichen Denkens im gesellschaftlichen Dispositiv abbilden. Umgekehrt ist der Physiologe als Denker seiner Zeit integriert in eine gesellschaftliche Ord- nung, die bestimmt, was gesagt und gedacht werden kann und soll. Dieses ge- sellschaftlich Heterogene wird im expliziten wissenschaftlichen Diskurs als sein impliziter Diskurs analysierbar. Die analytische Betrachtung der Stimmexperimente hat gezeigt, dass ihre Ergebnisse nicht allein im Hinblick auf ihre Aussagekraft in der physiologischen Episteme, sondern auch hinsichtlich der Erfahrung des Subjekts („expérience“) innerhalb eines Diskurses des Wissens und der Macht signifikant werden. Der implizite Diskurs der Experimente führt zu Ergebnissen, die die Physiologen des 19. Jahrhunderts nicht explizit im Blick hatten und die gerade deswegen ihr (wissenschaftliches) Scheitern dokumentieren. Doch gerade im Scheitern ge- winnt die Analyse des impliziten Diskurses der Experimente an Bedeutung, denn er indiziert eine Signifikanz des Aussagens im gesellschaftlichen Diskurs. Unter diesen Voraussetzungen hat die historisch betrachtete Rückbindung von Stimme an ihren physiologischen Ursprung wesentliche Folgen für den zeitge- nössischen, theaterwissenschaftlichen Diskurs einer Theorie...

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