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Jüdische Nachbarschaften in New York

Eine Lektüre der lesbaren Spuren der «jüdischen Frage deutscher Art» in Uwe Johnsons "Jahrestage</I>

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Stefan Gädtke

«Es flaniert, das Kind.» Es ist diese randständige Aussage Mrs. Ferwalters, der gezeichneten Überlebenden der Shoah, die sie verschwörerisch lächelnd ihrer Nachbarin, der scham- und schuldbewussten Deutschen Gesine Cresspahl zuflüstert, in der Uwe Johnson eine Utopie eines noch möglichen deutsch-jüdischen Dialogs versteckt. Es ist diese Aussage, es ist das Flanieren, das eine nachlesbare Spur legt zu einer Antwort auf die «jüdische Frage deutscher Art». Genau dieser lesbaren Spur geht die Lektüre der Jahrestage nach und entdeckt den Schriftsteller Johnson als einen Flanierenden: Uwe Johnson ist ein Flaneur, der die Kunst des Spazierens von seiner jüdischen Nachbarin Hannah Arendt in New York gelernt hat.

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1. Einführungen

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Ihr Brief – sehr entzückend, sehr charmant, aber dann doch als ob einer mit geschlossenen Lippen spricht. Hannah Arendt in einem Brief an Uwe Johnson Unser eigentliches Geheimnis haben wir nie ausgesprochen, und werden es auch nie ausspre- chen, und wir steigen ins Grab mit verschlossenen Lippen! Heinrich Heine in einem Brief an August Varnhagen Was Denken und Dichten verbindet, ist die Metapher. Hannah Arendt: Denktagebuch 1.1. Wegmarkierungen Erster Leseweg: die jüdischen Fragen Im August 1966 tritt Gershom Scholem, der aus einer assimilierten jüdischen Berliner Familie stammende, israelische Judaist1 an das Rednerpult des Jüdischen Weltkon- gresses in Brüssel, an dem zwei Tage später auch der deutsche Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier eine vielbeachtete, sprachpolitisch beachtenswerte Rede hält2, und erklärt resigniert, dass jedes Sprechen über ein Verhältnis zwischen Juden und Deutschen ein "melancholisches Unterfangen" sei, dass die gefühlte "Belastung", wel- che den schrecklichen Erlebnissen, den unaussprechlich, unverstehbar grausamen Er- eignissen der Shoah geschuldet sind, so groß sei, dass eine "der Sache selbst zugekehr- te Betrachtung fast unmöglich scheint", dass der "vielberufene deutsch-jüdische Dia- log", der als ein historisches Gespräch in Wahrheit nie stattgefunden habe, eigentlich noch ausstehe, dass es aber äußerst fragwürdig sei und bleibe, ob die Deutschen und die Juden nach der Shoah in der Lage sind und sein werden, den "Abgrund, den die Ereignisse zwischen ihnen aufgerissen haben"3, überbrücken zu können. Noch deutli- 1 Vgl. Gershom Scholem: Von Berlin nach Jerusalem. Jugenderinnerungen. Frankfurt...

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