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Jüdische Nachbarschaften in New York

Eine Lektüre der lesbaren Spuren der «jüdischen Frage deutscher Art» in Uwe Johnsons "Jahrestage</I>

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Stefan Gädtke

«Es flaniert, das Kind.» Es ist diese randständige Aussage Mrs. Ferwalters, der gezeichneten Überlebenden der Shoah, die sie verschwörerisch lächelnd ihrer Nachbarin, der scham- und schuldbewussten Deutschen Gesine Cresspahl zuflüstert, in der Uwe Johnson eine Utopie eines noch möglichen deutsch-jüdischen Dialogs versteckt. Es ist diese Aussage, es ist das Flanieren, das eine nachlesbare Spur legt zu einer Antwort auf die «jüdische Frage deutscher Art». Genau dieser lesbaren Spur geht die Lektüre der Jahrestage nach und entdeckt den Schriftsteller Johnson als einen Flanierenden: Uwe Johnson ist ein Flaneur, der die Kunst des Spazierens von seiner jüdischen Nachbarin Hannah Arendt in New York gelernt hat.

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4. Dazugehören tun sie nicht

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Alle Kultur nach Auschwitz ist Müll. Wer für Erhaltung der radikal schuldigen und schäbigen Kultur plädiert, macht sich zum Helfershelfer, während, wer der Kultur sich verweigert, unmit- telbar die Barbarei befördert, als welche die Kultur sich enthüllte. Theodor W. Adorno: Negative Dialektik Der Roman stellt die Frage: Gibt es in einer Kultur noch Spuren eines unkodierten Lebens? Die Antwort lautet: im Abfall. Unser historischer Überblick hat uns von der Schrift über die Spur bis zum Abfall geführt. Der Roman war es auch, der daran erinnert hat, daß das Wort für Buch- stabe "letter" einen nahen Verwandten hat, nämlich Abfall: "litter". Aleida Assmann: Texte, Spuren, Abfall 4.1. Verdächtige Gewohnheiten Ein Vertrag zwischen dem Romanschreiber und den Lesern In dem Vortrag, in der Selbstdarstellung Wenn Sie mich fragen ... 574, den die Leser als reflexiv- poetologische Äußerung, als praktische Anleitung epitextuell575, dialogisch zu den Jahrestagen hinzulesen können576, umschreibt Uwe Johnson das von ihm beab- sichtigte Verhältnis zwischen "dem Verfasser" und den individuellen Lesern mit der polyvalenten Metapher des "Vertrages" (W, 62)577. Zwischen den Lesern und dem Ver- fasser der Jahrestage besteht in einem übertragenen Sinne ein Vertrag, der ihnen ei- 574 Uwe Johnson: Wenn Sie mich fragen ... Ein Vortrag. In: Eberhard Fahlke (Hg.): "Ich überlege mir die Geschichte ...". Uwe Johnson im Gespräch. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988. S. 51- 64 [im folgenden im Text mit dem Sigle W und der Seitenzahl nachgewiesen]; vgl. zu der Ent- stehung...

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