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Jüdische Nachbarschaften in New York

Eine Lektüre der lesbaren Spuren der «jüdischen Frage deutscher Art» in Uwe Johnsons "Jahrestage</I>

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Stefan Gädtke

«Es flaniert, das Kind.» Es ist diese randständige Aussage Mrs. Ferwalters, der gezeichneten Überlebenden der Shoah, die sie verschwörerisch lächelnd ihrer Nachbarin, der scham- und schuldbewussten Deutschen Gesine Cresspahl zuflüstert, in der Uwe Johnson eine Utopie eines noch möglichen deutsch-jüdischen Dialogs versteckt. Es ist diese Aussage, es ist das Flanieren, das eine nachlesbare Spur legt zu einer Antwort auf die «jüdische Frage deutscher Art». Genau dieser lesbaren Spur geht die Lektüre der Jahrestage nach und entdeckt den Schriftsteller Johnson als einen Flanierenden: Uwe Johnson ist ein Flaneur, der die Kunst des Spazierens von seiner jüdischen Nachbarin Hannah Arendt in New York gelernt hat.

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5. Jüdische Unzugehörigkeiten

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Wer Jude ist, bestimmt § 5 der gleichen Verordnung Erste Verordnung zum Reichsbürgergesetz 1935 Meine nicht-bürgerliche oder literarische Existenz beruht darauf, daß ich dank meines Mannes politisch denken und historisch sehen gelernt habe und daß ich andererseits nicht davon abge- lassen habe, mich historisch wie politisch von der Judenfrage her zu orientieren. Hannah Arendt in einen Brief an Karl Jaspers 1946 FRAGE Hat Gesine dir wenigstens das erklärt auf eine wissenschaftliche Weise? M.H.C. Nein, wie es vor sich ging. FRAGE Der Antisemitismus als Scheinproblem, bestimmt zur Ablenkung der Arbeiter unter den Bedingungen des Imperialismus? M.H.C. Sie hat mir erzählt wie es war. Danach konnte mir von allein auffallen, dass nur die Deutschen und die Österreicher es verwirklicht haben, dieses – Scheinproblem. Uwe Johnson: Marie H. Cresspahl, 2.-3. Januar 1972 5.1. Flaneure, Juden und Literaten Berliner Flaneure, jüdisch In einer symptomatischen Weise auffällig ist, dass mit einer einzigen Ausnahme878 die genannten, die durch die Hauptstadt der Weimarer Republik flanierenden Spaziergän- ger – Walter Benjamin, Franz Hessel, Alfred Kerr, Egon Erwin Kisch, Siegfried Kracauer, Alfred Polgar, Joseph Roth und selbst deren Pariser Vorgänger, die "beiden echten Flaneure"879 Löw Baruch und Harry Heine -, Juden sind; dass sie sich entspre- chend ihrer matrilinearen Abstammung880, ihrer kulturellen Herkunft, Börne ist ein Juif de Francfort, ein Jude aus der Frankfurter Judengasse881, einer jüdischen Gemein- schaft zugehörig ansehen. "Das Jüdische", schreibt der junge Benjamin in einem Brief, "versteht sich immer von selbst: Ich bin Jude...

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