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Substanz und Freiheit bei Thomas von Aquin

Studie zur philosophischen und theologischen Anthropologie

Michael Becker

Ausgehend von Thomas von Aquins Aneignung des aristotelischen Substanzbegriffes – wesentlich vermittelt durch Avicenna und Averroes – sucht dieses Buch seinen Begriff vom Menschen nachzuzeichnen. Um dem Menschen als Menschen, als Naturgeschöpf und Geistwesen, als Person gerecht werden zu können, muss zum Substanzbegriff der Freiheitsgedanke hinzutreten. Der Mensch ist einerseits in seiner Menschennatur erschaffen, andererseits bestimmt er sich in Freiheit selbst – diese freiheitliche Selbstbestimmung ist wesentliche Grundlage für sein eschatologisches Schicksal. Bei Thomas von Aquin kann man durchaus beobachten, wie Substanz und Freiheit einander bedingen. Das Herauswachsen der neuzeitlichen Philosophie aus den Problemstellungen der Antike und des Mittelalters stellt hier einen wichtigen Punkt dar.

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2 Die Aneignung der aristotelischen Substanztheorie vor Thomas

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Das rechte Verständnis der Substanztheorie hält Thomas von Aquin für grundlegend, wie er gleich zu Beginn seines Frühwerkes (etwa zwischen 1254 und 1256 geschrieben) „De ente et essentia“ betont. Dort heißt es nämlich: „Weil ein kleiner Irrtum am Anfang am Ende ein großer ist nach dem Philosophen im 1. Buch von ‘Der Himmel und die Erde’, Seiendes [ens] und W esen [essentia] aber die sind, die zuerst von der Vernunft erfasst werden, wie Avicenna am Anfang seiner ‘M etaphysik’ sagt, muss man daher, damit nicht aus Unkenntnis jener ein Fehler entsteht, zur Behebung der von ihnen ausgehenden Schwierigkeit sagen, was mit dem W ort ‘W esen’ und ‘Seiendes’ bezeichnet wird und wie W esen in verschiedenen Dingen vorgefunden wird und wie es sich zu den logischen Begriffen, nämlich Gattung, Art und Unterschied verhält.“62 Die Wichtigkeit, welche der Theologe Thomas dem rechten Verständnis des Substanzbegriffs zuschreibt, wird auch darin deutlich, dass bereits eben dieses Frühwerk diesem Problem gewidmet ist. Der Aquinate weiß einerseits, welche tragende Bedeutung der recht verstandene W esensbegriff für die Theologie hat, andererseits welche Gefahren für die christliche Theologie dann drohen, wenn man die aristotelische Substanztheorie - zumindest aus der Sicht Thom as’- verkürzt darstellt. Die arabischen Kommentatoren (etwa Avicenna und Averroes), deren Irrtümern vor allem seine Kritik gilt, vermitteln eine Auffassung vom Wesen, welche mit zentralen Abschnitten christlicher Theologie unvereinbar zu sein scheint. Die Individualität der Seele schien durch den...

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