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«Olor Caledonius»

Untersuchungen zur poetischen Psalterparaphrase von George Buchanan

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Gregor Nagengast

Der Schotte George Buchanan wurde von Zeitgenossen zu den größten europäischen Dichtern des 16. Jahrhunderts gezählt. Seine neulateinische poetische Psalterparaphrase gilt als sein bedeutendstes Werk. Die Einordnung in Gattungsgeschichte und Entstehungskontext führt zu einem tieferen Verständnis des Textes: Er fußt im Kern auf jahrhundertelanger Tradition und ist zugleich durchdrungen von humanistischer Geisteshaltung und Gelehrtheit. Erstmalig wurde das gesamte Korpus auf Anleihen bei lateinischen «Klassikern» untersucht. Buchanans Umgang mit seinen antiken Vorbildern und der biblischen Vorlage sowie der direkte Vergleich seiner Dichtung mit anderen poetischen Psalmenparaphrasen erlaubt ein fundiertes Gesamturteil: George Buchanan ist ein wahrer Meister seines Faches, der mit Recht den an Vergil erinnernden Ehrentitel Olor Caledonius zugesprochen bekommen hat.

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C. UNTERSUCHUNGEN ZUR PSALTERPARAPHRASE VON GEORGE BUCHANAN

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1. VERHÄLTNIS ZUR BIBELVORLAGE Psalm 104 ist im Original, und daher auch bei Buchanan, einer der längeren Psalmen. Es handelt sich dabei um einen Schöpfungshymnus, der die Welt als Wassersystem darstellt330 und die großen Taten Gottes aufzählt. Der Psalm gilt als einer der besonders schönen und zählt zu den berühmteren331. Dies mag dazu beigetragen haben, dass Buchanans Version dieses Psalms Teil der ersten Selek- tion seiner Psalmenparaphrasen war, die 1556 von Henri Estienne herausgege- ben wurde332. Daneben enthielt die Sammlung von Buchanan komponierte Übertragungen der Psalmen 1-15, 114, 127 und 137 sowie Paraphrasen von be- deutenden Vertretern anderer Länder. So repräsentierten Flaminio und Rapicio Italien, Eobanus Hessus Deutschland und Salmon Macrin Frankreich. Buchanan selbst äußerte offenbar besondere Zufriedenheit mit „seinem“ Psalm 104; in ei- ner Anmerkung in der genannten Ausgabe heißt es, dass er sich deshalb ent- schlossen habe, mit ebendiesem Psalm seine Sammlung abzurunden333. Das ver- deutlicht den hohen Stellenwert, den ihm der Autor selbst beimaß. Später, näm- lich gut 30 Jahre nach Buchanans Tod, das heißt im zweiten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts, stand Psalm 104 im Mittelpunkt einer Kontroverse, auf die weiter unten noch näher einzugehen sein wird. Hier seien nur kurz die Grundzüge der Auseinandersetzung erwähnt: Der Arzt George Eglisham hielt sich gegenüber George Buchanan für den überlegenen Dichter und kritisierte dessen poetische Paraphrasen am Beispiel von Psalm 104 scharf. Er verfasste daher eine eigene Umdichtung desselben...

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