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Der andere Goethe

Die literarischen Fragmente im Kontext des Gesamtwerks

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Karina Becker

Die erste umfassende Interpretation der literarischen Fragmente Goethes eröffnet den Blick auf andere, weitgehend unbekannte Texte des Dichters. Im Kontext des Gesamtwerks entsteht jetzt ein anderes Goethebild, das literarisch, ästhetisch und inhaltlich überrascht. In einer thematischen Zusammenschau ergeben sich Bilder von den «würdigen Brüdern des Götz von Berlichingen», von Napoleon, von Faust und Wilhelm Meister als negativen und positiven Exempeln der Menschheit. Auch wird plötzlich das Fragmentarische der vollendeten Werke deutlich. Mithilfe kunstgeschichtlicher Kategorien wird der Fragmentbegriff präzisiert, indem literarische Werkstattformen wie croquis, esquisse, étude von abgebrochenen ( Non finiti) und als Fragment publizierten Texten ( Torsi) differenziert werden.

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Satirische Vorboten oder Goethes „belebte Sinngedichte“

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Gegen die Norm und die literarische Konvention, gegen den Geschmack und den Zwang der höfischen Gesellschaft sind Goethes Schwänke in abgeschlossener und unvollendeter Form gerichtet, die er in seiner Frankfurter und Leipziger Zeit schrieb. Martin Stern benutzt „Schwank“ als „Ober- und Sammelbegriff für Klein- und Kleinstdramen mit erkennbar komischer, Heiterkeit oder Gelächter bezwe- ckender Intention“ und differenziert drei „Modalitäten von Komik“: „Satiren, Far- cen und Selbstparodien“.1 „Gebrochene Formen“ nennt Stern Goethes Schwänke, die eine „Opposition gegen den literarischen Zeitgeschmack und Zeitstil“ und ge- gen die gesellschaftliche Norm und Konvention ausdrückten und deswegen von der Forschung als minderwertige Minores im Vergleich zu den Maiores behandelt würden. In „keiner anderen Werkgruppe“ aber, so Stern, erscheine Goethes „Ge- sellschaftsbild ‚demokratischer‘ oder die propagierte Weltsicht anti-idealistischer“.2 In den fragmentarischen Schwänken potenzieren sich der Abstand zu der Norm und zugleich die Nähe zur historischen Wirklichkeit. Die Fragmente sind noch ge- sellschaftskritischer, noch derber und darum beinahe gar nicht beachtet worden. Auch Stern behandelt bis auf „Hanswursts Hochzeit“ die fragmentarischen Schwänke Goethes nicht. Anstatt nun aber die Stücke danach einzuteilen, ob die Komik „aggressiv-kritisch“, „derb-humoristisch“ oder „ironisierend“ ist − Stern gesteht selbst, dass seine Einteilung keinen „systematischen Anspruch“ erheben könne −,3 sollen die fragmentarischen Schwänke lediglich nach dem Gegenstand der Kritik unterschieden werden, nach dem, was bloßgestellt wird. Goethes fragmentarische Schwänke lassen sich einteilen in solche, die gegen eine bestimmte poetologische Konvention gerichtet sind, und in solche, die einen...

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