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Der andere Goethe

Die literarischen Fragmente im Kontext des Gesamtwerks

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Karina Becker

Die erste umfassende Interpretation der literarischen Fragmente Goethes eröffnet den Blick auf andere, weitgehend unbekannte Texte des Dichters. Im Kontext des Gesamtwerks entsteht jetzt ein anderes Goethebild, das literarisch, ästhetisch und inhaltlich überrascht. In einer thematischen Zusammenschau ergeben sich Bilder von den «würdigen Brüdern des Götz von Berlichingen», von Napoleon, von Faust und Wilhelm Meister als negativen und positiven Exempeln der Menschheit. Auch wird plötzlich das Fragmentarische der vollendeten Werke deutlich. Mithilfe kunstgeschichtlicher Kategorien wird der Fragmentbegriff präzisiert, indem literarische Werkstattformen wie croquis, esquisse, étude von abgebrochenen ( Non finiti) und als Fragment publizierten Texten ( Torsi) differenziert werden.

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Reflexionen über Politik, Literatur und Leben

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Nehmen Goethes „belebte Sinngedichte“, die als „satirische Vorboten“ späterer Werke gelten können, in einem humorvollen Ton skizzenhaft Bezug zu alltäglichen Situationen, bieten andere Stückwerke detailliertere literarische Auseinandersetzun- gen zu Erlebtem im politischen und privaten Bereich und sind von einem nach- denklichen, ernsten Charakter geprägt. Auch finden sich unter Goethes Papieren Reflexionen über Positionen in der Literatur und in der Philosophie. 1. Über Dichtung und Wahrheit und die Humanität des Menschen „Die Geheimnisse. Ein Fragment“ In dem fragmentarischen Stanzenepos „Die Geheimnisse“ wird am Beispiel eines Wanderers die Suche des Menschen nach dem Geheimnis seines Daseins darge- stellt. Die zur Beschreibung verwandte Dämmerungs- und Nebelmetaphorik dient dazu, das noch unsichere Dasein des Menschen abzubilden, sein Schwanken, sei- nen Selbstzweifel, seine Suche, seinen Irrweg zu bedeuten. In den „Geheimnissen“ gelangt Bruder Marcus auf seiner Wanderschaft von un- gefähr, schicksalsbestimmt zu einem Kloster, das bislang von einem Mann mit dem bezeichnenden Namen „Humanus“ geleitet wurde und dessen Nachfolge er nun antreten soll. Nur die Zeit, die er als Wanderer in der Dämmerung auf seinem Weg zurücklegt und in der Nacht in dem Kloster verbringt, wird beschrieben. Als der Morgen anbricht und Bruder Marcus in das Innere des Klosters eintreten will, bleibt die Pforte verschlossen und er muss im Vorhof verharren. Der Zugang zu dem inneren Geheimnis des (Humanus-)Ordens, zum Wesen des ‚Menschen‘ bleibt ihm verwehrt. Das Fragment bricht ab, bevor der exemplarische Mensch seine Humanität erkannt und erlangt hat. „Die Geheimnisse“ entstanden...

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