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Die Naturbeschreibung im «Journal» von Henry David Thoreau

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Wilfried Koch

Die Arbeit geht der Frage nach, wie das Tagebuch als Textformat und Schreibort in Verbindung mit der Beschreibung die Erforschung, Darstellung und Erfahrung von Natur und Landschaft prägt. Unter Einbeziehung von Konzepten der kognitiven Narratologie sowie räumlich-visueller und transmedialer Aspekte werden in textnahen Analysen strukturelle Probleme des beschreibenden Textes (Metapher, Metonymie) und Verfahren des Rekonstruierens und Simulierens von Naturerfahrung als Umsetzung von Wahrnehmung in Text erörtert. Das Journal von Henry David Thoreau erweist sich als Versuch, auf der Basis der Naturästhetik des Picturesque durch schreibend-reflektierendes Erinnern eine zur Entdeckung befähigte Form von Subjektivität als verdichtetes Gewahrsein von Welt- und Selbsterfahrung in wechselnden Außen- und Innenansichten zu projizieren.

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Kapitel 1: Die Tagebücher Thoreaus

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1.1 Das Tagebuch im Neuenglandtranszendentalismus An den Schriften der Transzendentalisten fällt das Überwiegen nichtfiktionaler Prosa gegenüber lyrischen Werken oder fiktionalen Prosatexten auf. Die Be- wegung schien kaum berührt von der Blüte der Erzählformen der “American Renaissance”, die von der “slave narrative” bis zu Novelle und Roman reichen und deren Autoren entweder außerhalb des Transzendentalismus standen oder, wie Herman Melville und Nathaniel Hawthorne, auf Abstand zu ihr bedacht wa- ren. Stattdessen bilden Essays, Vorträge, Predigten, autobiographische Werke, Ta- gebücher, Briefe und die als Kunst geschätzte Konversation die wichtigsten Aus- drucksformen sowie Mittel der Entwicklung und Mitteilung von Gedanken und Erfahrung in einer Ära, in der das gesprochene Wort im öffentlichen Leben an Be- deutung vom gedruckten Text überholt wurde.24 Entgegen allen dichterischen Ambitionen Emersons und Thoreaus sowie einer phasenweise emsigen Lyrikpro- duktion blieben ihre sprachästhetisch anspruchsvollsten Werke der Prosa vorbe- halten.25 Das war auch dem soziokulturellen Milieu geschuldet, aus dem die füh- renden Köpfe der Bewegung kamen, unter ihnen unitarische Geistliche wie Emer- son, die als Angehörige des Bürgertums eine Schul- und Universitätsbildung ge- nossen hatten. Der theologisch-philosophisch-literarische Charakter der Bewe- gung und ihr Reformanspruch bedingten einen argumentativ-expositorischen Stil des Sprechens und Schreibens, verstärkt durch eine große Aufgeschlossenheit ge- genüber Innovationen in Kunst, Wissenschaft und Technik. Dieses zeitkritische, global denkende und lesende Epochenbewußtsein faßte Thoreau in das Bild eines den Erdball umspannenden, die Menschheitsepochen durchdringenden wortwört- lichen Diskurses der Ideen,...

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