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Erinnerungsliteratur von Jehovas Zeugen als NS-Opfern

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Justyna Haas

Das Buch befasst sich mit Erinnerungstexten von Zeugen Jehovas als einer lange vergessenen Opfergruppe des Nationalsozialismus. Die Autorin stützt ihre Ausführungen auf reiche, neu erschlossene Quellenbestände und literaturwissenschaftliche Ansätze, deren Methodik der Spezifik von Zeitzeugentexten hinsichtlich ihrer Funktionalität gerecht werden kann. Erinnerungstexte verfolgter Zeugen Jehovas werden analysiert und anhand eines umfassend argumentierten Vergleichs mit literarischen Texten zum Holocaust als Erinnerungsliteratur im kultur- und literaturwissenschaftlichen Forschungsfeld platziert. Für die Entwicklung von Toleranz und Zivilcourage stellen sie sich als wichtig und didaktisch verwertbar heraus. So bezweckt die Verfasserin nicht nur, die Erinnerungstexte vor dem Vergessen zu bewahren, sondern legt zudem eine neue Basis für weiterführende historische und literaturwissenschaftliche Auseinandersetzungen.

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9 Analyse der Texte von verfolgten Zeugen Jehovas im Spiegel der Erinnerung

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9.1 Einleitende Bemerkungen Warum ist der Ausdruck „Spiegel der Erinnerung“ für den Erinnerungsprozess im Kontext des Zeitzeugenberichtes treffend? Wie bereits aus den bisherigen Ausführungen ersichtlich, bildet das Erinnern die zweite Etappe des Entste- hungsprozesses eines Zeitzeugenberichtes. Zunächst stehen die Zeitzeugen vor der Herausforderung, die Geschehnisse, die bereits Jahrzehnte zurückliegen, ins Gedächtnis zurückzurufen. Diese Phase bringt allerdings einen Konflikt mit sich: Einerseits sind die Erlebnisse sehr tief und unauslöschlich ins Gedächtnis geprägt worden, anderseits verlieren sie an Schärfe, womit die genauen Umstän- de, Daten, Zahlen und Namen verloren gehen.1494 In dem Sinne kann der „Spie- gel“ die Verzerrung der erlebten Realität im entstandenen Erinnerungsbild be- deuten.1495 Außerdem haben die Augenzeugen ihre Erinnerungen mehr fiktionalisiert als protokolliert, was bedeutet, dass sie durch die Niederschrift eine Distanz hergestellt haben. Für diese Distanz benötigten sie beim Prozess der Verschrift- lichung ihrer Erlebnisse oft Jahre.1496 Somit werden die Ereignisse durch das Prisma der Erinnerung „widergespiegelt.“ 1494 Vgl. Seifert, Das Weiterleben, S. 222. 1495 Nicht selten wurden die Erinnerungen an die Verfolgungszeit als „belastend“ bezeich- net. Besonders die Erinnerungsberichte von Zeugen Jehovas, die als Kinder Verfolgung miterlebten, weisen schmerzvolle Erlebnisse als „Bilder“, die sich ins Gedächtnis präg- ten, aus („Für mich war da eine große seelische Belastung, die Einfluss auf mein Leben genommen hat. Viele Jahre war ich sehr gehemmt, auch meine schulischen Leistungen ließen nach […]. An eine Haussuchung erinnere ich mich noch. Als die Polizei...

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