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Institutionelle Mechanismen der Kanonbildung in der Académie française

Die "Querelle des Anciens et des Modernes</I> im Frankreich des 17. Jahrhunderts

Christoph Mayer

Warum streiten sich auf dem Höhepunkt der absolutistischen Machtentfaltung im 17. Jahrhundert zwei Parteien in der Académie française? Die Querelle des Anciens et des Modernes beweist die einzigartige Macht der Literatur im kulturellen Feld der Klassik, gerade weil der Streit nicht von einem Herrscher, sondern von den Kulturschaffenden selbst ausagiert und in alle Bereiche der Kultur exportiert wird. Die Entwicklung im System der französischen Akademien zeigt ein ähnliches Bild: Der Lobpreis des Monarchen erfolgt zur Wertsteigerung der Kultur. Die Literaten erneuern ihren Kanon und schaffen die Voraussetzung zur Selbstverewigung und zur Selbstfeier als geeignetstes Repräsentationsmedium. Louis XIV, als Sonnenkönig der Inbegriff des Absolutismus, wird somit in der Akademie erst erzeugt.

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2. Ort und Themen der Querelle

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Wo beginnt und wo endet nun die Querelle des Anciens et des Modernes? Diese Pe- riodisierungsfrage hat bisher ganz unterschiedliche Antworten hervorgerufen und muss aber auch nicht zielgenau beantwortet werden.1 Oder sind es die Protagonisten und ihre Etikettierung, an denen wir sie besser festmachen sollen? Die Anciens um Boileau, Racine und La Fontaine, zudem Fure- tière, La Bruyère, Rapin, Pradon, Longepierre, Fénelon, Fourmont und Mme Dacier stehen üblicherweise den Modernes um Perrault und Fontenelle, mit Le Moyne, Scudéry, Godeau, Chapelain, Desmarets de Saint-Sorlin, Le Laboureur, Marolles, Charpentier, Saint-Evremond, Bayle, Houdar de La Motte, Terrasson entgegen. Doch wo lässt sich ein Pascal und sein Fragment du traité du vide (1651) einordnen, wo ist der Platz von Pierre Corneille? Die Entscheidung, die Querelle vielmehr topisch zu verorten und sie an der Akademie als Austragungsort auszurichten, erklärt den hier gewählten zeitlichen Fokus, der ab Gründung der Académie française 1635 bis zur erstmaligen Verlagerung aus dem akademischen Kontext um 1700 führt. Die örtliche und die thematische Konstituierung der Debatte soll im Folgenden die Problematik der Institutionalisierung verdeutlichen. Von der Querelle du Cid (1636/7) über die Querelle d’Alceste (1674/5) bis zum Poème sur le siècle de Louis le Grand (1687) wird im Folgenden ein Weg skizziert, der die gewandelte Stellung des Ortes ‚Akade- mie‘ aufgrund der zur Diskussion stehenden Themen hervorhebt: Die Akademie wan- delt ihr Bild von der Schiedsrichterrolle über den Akteurskorpus von literarischen Ex- perten hin zum veritablen Schauplatz der...

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