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Institutionelle Mechanismen der Kanonbildung in der Académie française

Die "Querelle des Anciens et des Modernes</I> im Frankreich des 17. Jahrhunderts

Christoph Mayer

Warum streiten sich auf dem Höhepunkt der absolutistischen Machtentfaltung im 17. Jahrhundert zwei Parteien in der Académie française? Die Querelle des Anciens et des Modernes beweist die einzigartige Macht der Literatur im kulturellen Feld der Klassik, gerade weil der Streit nicht von einem Herrscher, sondern von den Kulturschaffenden selbst ausagiert und in alle Bereiche der Kultur exportiert wird. Die Entwicklung im System der französischen Akademien zeigt ein ähnliches Bild: Der Lobpreis des Monarchen erfolgt zur Wertsteigerung der Kultur. Die Literaten erneuern ihren Kanon und schaffen die Voraussetzung zur Selbstverewigung und zur Selbstfeier als geeignetstes Repräsentationsmedium. Louis XIV, als Sonnenkönig der Inbegriff des Absolutismus, wird somit in der Akademie erst erzeugt.

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4. Die institutionelle Verfasstheit des LeitmediumsLiteratur

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4. Die institutionelle Verfasstheit des Leitmediums Literatur Der 9.3.1661 stellt mit der Regierungsübernahme des Sonnenkönigs eine politische Zäsur für Frankreich dar, der Vortrag des abbé de Lavau am 27.1.1687 vielleicht in ähnlichem Maße einen literarhistorischen Einschnitt: beide Ereignisse ‚leben‘ von ih- rer Symbolizität. Im ersten Fall übernimmt seit 1610 zum allerersten Mal ein Monarch selbst die Regierungsgeschäfte. Die (fiktive) Allgegenwart des Monarchen statt Abgehobenheit kann als Merkmal der neuen Regierung jenseits der personalen Macht- entfaltung beschrieben werden.1 Die von Charles Perrault lancierte neue Orientierung der französischen Klassik in der schon akademisch institutionalisierten Literatur wie- derum bewirkt, dass unterschiedliche Geschichtsmodelle aufeinander prallen.2 Auch an den Enden der hiermit neu ausgerufenen Epochen ergeben sich Ähn- lichkeiten zwischen politischer Herrschaft und Literatur. Das Ende der Querelle wird üblicherweise mit Fénelons Lettre sur les occupations de l’Académie (1714) 3 angesetzt und besteht damit in einer theoretischen Stellungnahme über die (fiktiven) Tätigkeiten der Akademie im Zeichen der Entlarvung, die aus dem Streit alleine die produktiven Momente zieht. Der Mythos des Selbst-Regierens wird am Ende der Regierung des Sonnenkönigs gerade von Kritikern wie Saint-Simon erst gefestigt, in die Realität übergeführt und tradiert.4 4.1 Literatur und Kunst / Architektur Die institutionelle Verfestigung von Macht bzw. Hof auf der einen Seite und Kunst bzw. Literatur auf der anderen ist nicht zu übersehen. Die Lite- ratur ist durch ihre Sachwalterschaft des Schriftlichen das unbestrittene Leitmedium. Noch absoluter als der König herrschten die Mode und...

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