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Kollektive Identitätskonstruktion in der Migration

Eine Fallstudie zur Sprachkontaktsituation der Wolgadeutschen in Argentinien

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Anna Ladilova

Welche Rolle spielt die Gruppensprache bei der kollektiven Identitätskonstruktion in der Migration? Das Beispiel der Wolgadeutschen in Argentinien, die nach über 250 Jahren seit der ersten Auswanderung die ursprüngliche Sprache und Kultur aufrecht erhalten haben, eignet sich im besonderen Maße zur Beantwortung dieser Frage. Diese Studie wertet 381 Fragebögen und 12 Interviews quantitativ und qualitativ aus, um das Thema aus einer interdisziplinären Perspektive zu beleuchten. Sprachkenntnisse, -verwendungen und Einstellungen der Mitglieder der untersuchten Gruppe, Sprachkontaktphänomene in ihrer Rede sowie die Frage nach dem ethnic revival und dem kollektiven Gedächtnis werden miteinander in Verbindung gesetzt, um einen umfassenden Einblick in die untersuchte Fragestellung zu geben.

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3. Theoretische Grundlagen

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Am Anfang des Theoriekapitels einer Arbeit zur Sprachkontaktforschung ist die Frage danach zu stellen, was eine Sprache überhaupt ist. Die meisten Definitio- nen zum Sprachkontakt vertreten die Sichtweise, dass Sprachen in sich ge- schlossene Systeme sind, die sich infolge des Sprachkontakts verändern. Dies ist auch aus der folgenden Definition von „Sprachkontaktforschung“ herauszule- sen: „Das Forschungsfeld der Kontaktlinguistik ist dort, wo zwei (oder mehr) Sprachen in Berührung stehen. Mindestens eine dieser Sprachen wandelt sich infolge dieses Kontaktes“ (Clyne 1996: 12). Sprachen sind aber nichts im Vo- raus Gegebenes, sondern entwickeln sich im Laufe der Zeit aus der menschli- chen Interaktion sowie aus Übereinkünften darüber, was als Sprache gesehen werden soll: Wenn auch die Verschiedenheit von Sprachen offenkundig ist, so hängt das, was als Sprache definiert und gesehen wird, primär von ihrer Wahrnehmung durch die SprecherInnen sowie von ihrer institutionellen Anerkennung ab. (Gugenberger 2011: 16) Im Sprachkontaktkontext wirft Georges Lüdi (2004: 346) die Frage auf, „whether the premise that there must be two distinct varieties hasn’t been given too much importance“, und verweist auf das Variationsprinzip, das in allen Sprachen eine Rolle spielt. Die unterschiedlichen Varietäten sowie die linguisti- schen Normen entstehen nur durch eine bewusste Fokussierung der Sprecher und Sprechergruppen auf eine bestimmte Sprechweise, während das sprachliche Repertoire eines Sprechers nicht aus verschiedenen Einzelsprachsystemen, son- dern vielmehr aus einem holistischen System besteht (vgl. Franceschini 1998: 15). Sprachgrenzen sind folglich nichts an sich Existierendes, sondern ein Kon- strukt – genauso wie nationale Grenzen –, und...

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