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Simulierte Narration und literarische Wahrhaftigkeit

Entwirklichtes Erzählen in der Moderne

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Michaela Sänger

Die Studie beschäftigt sich mit der Entwicklung des Erzählens in der Nachfolge des Nouveau Roman. Auf die Zerstörung der traditionellen Romanstruktur erfolgt eine oftmals nur vordergründige Rückkehr zum Erzählen. Anhand der Analyse einzelner Romane wird gezeigt, dass Nouveau Roman und «neuer Realismus» unterschiedliche literarische Antworten auf eine sich verändernde Lebenswirklichkeit sind. Die Arbeit bezieht die außerliterarische Wirklichkeit mit ein, die sich durch eine zunehmende Virtualisierung kennzeichnet. Das Sekundärerleben als Grunderfahrung der Moderne artikuliert sich in einem Erzählen, das die Entwirklichung in seine Gestaltung aufnimmt.

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I. Medientheorie

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1. Veränderte Wahrnehmung der Zeit Unbestritten ist die Feststellung Jochen Meckes, dass die „Merkmale postmo- derner Kultur“ implizit auf die „Zeitproblematik“ verweisen, die Veränderung der Stellung der Zeit im Roman somit im Kontext der Lebenswelt der Moderne zu suchen ist.31 Will man sich dem Phänomen medialer Bedingtheit menschlicher Wahr- nehmung der Zeit auf eine grundsätzliche Weise nähern, so muss man sich in die Tradition Heinrich Heines stellen, der am 5. Mai 1864 angesichts der Eröffnung der Eisenbahnlinie „Paris–Orléans“ und „Paris–Rouen“ in eindringlicher Weise die Veränderung der Wahrnehmung durch die Entwicklung der Eisenbahn for- muliert: „Welche Veränderungen müssen jetzt eintreten in unseren Anschauungsweisen und in unsern Vorstellungen! Sogar die Elementarbegriffe von Zeit und Raum sind schwankend geworden. Durch die Eisenbahn wird der Raum getötet, und es bleibt uns nur noch die Zeit übrig.“32 Was hier festgestellt wird, ist nichts anderes als die Überwindung der raumzeit- lichen Distanzen durch eine technische Neuerung – ein Umstand, der sich im 20. Jahrhuundert fortsetzen und auf erstaunliche Weise beschleunigen wird. In seiner Abhandlung Medien-Zeit, Medien-Raum. Zum Wandel der raum- zeitlichen Wahrnehmung in der Moderne, nimmt Götz Großklaus Heines Äuße- rung zum Anlass, die sukzessive Veränderung in der Wahrnehmung der Zeit- lichkeit durch die Entwicklung der Medien darzustellen.33 Großklaus zeichnet eine kontinuierliche Entwicklung nach und erkennt in der zunehmenden Media- lisierung einen Modernisierungsprozess, der räumlich entfernte Daten immer deutlicher synchronisiert. Durch die Erfahrung der Simultaneität wird...

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