Show Less

Simulierte Narration und literarische Wahrhaftigkeit

Entwirklichtes Erzählen in der Moderne

Series:

Michaela Sänger

Die Studie beschäftigt sich mit der Entwicklung des Erzählens in der Nachfolge des Nouveau Roman. Auf die Zerstörung der traditionellen Romanstruktur erfolgt eine oftmals nur vordergründige Rückkehr zum Erzählen. Anhand der Analyse einzelner Romane wird gezeigt, dass Nouveau Roman und «neuer Realismus» unterschiedliche literarische Antworten auf eine sich verändernde Lebenswirklichkeit sind. Die Arbeit bezieht die außerliterarische Wirklichkeit mit ein, die sich durch eine zunehmende Virtualisierung kennzeichnet. Das Sekundärerleben als Grunderfahrung der Moderne artikuliert sich in einem Erzählen, das die Entwirklichung in seine Gestaltung aufnimmt.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

VI. François Bon – Grenzen des Erzählens – Erzählen an Grenzen?

Extract

Einen deutlich anderen Weg als Toussaint schlägt François Bon mit seinem Roman Calvaire des chiens ein, der 1990, also fast zeitgleich mit Toussaints La réticence erscheint. Bon führt das Erzählen an Grenzen, die weit über Toussaints neuartige Anfänge hinausgehen. Während sich Toussaint, wie zuvor dargelegt, vordergründig wieder einer Art konventionellem Erzählen annähert, werden bei Bon die Grenzen des Erzäh- lens sowohl auf Handlungsebene als auch auf struktureller Ebene deutlich in das Bewusstsein des Lesers gerufen. Die radikalen Veränderungen, die sich im Bonschen Romanuniversum vollziehen, haben ein vollkommen neues Leseer- lebnis zur Folge und stellen eine perfekte Ausprägung des Erzählens in der Mo- derne dar. François Bon macht es seinen Interpreten zunächst nicht gerade leicht: Seine Art zu schreiben hat sich von allen der bisher betrachteten Autoren am weitesten von der traditionellen Schreibweise entfernt und eine vollkommen neue Art des Erzählens ausgeprägt. Wolfgang Asholt bescheinigt Bon eine écriture du quotidien, die jedoch keinesfalls mit einer Wiederkehr des Realismus gleichzusetzen ist.387 Vielmehr sieht Asholt in Bon und Houellebecq „zwei Pole“ einer Entwicklung, die eine Hinwendung zum Erzählen bedeutet, die im Falle von Bon mit dem Begriff des „problematischen Realismus“ belegt wird.388 Bei Bon sind Geschichten in der Tat wieder Geschichten, die erzählt werden und sich auf den ersten Blick „so ereignet haben können“, aber ähnlich wie bei Toussaint muss der Leser gegenüber scheinbar Naheliegendem misstrauisch werden, gerade bei einem Autor,...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.