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Re-Sakralisierung des öffentlichen Raums in Südosteuropa nach der Wende 1989?

Redaktion: Florian Tuder

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Alojz Ivanisevic

Die Wende von 1989 bzw. 1991 hat die Religionsgemeinschaften in den ehemals kommunistischen Staaten Südosteuropas auf die Bühne der politischen Öffentlichkeit zurückgebracht. Sie wurden aufgewertet, aber nicht unbedingt in spiritueller, sondern in institutioneller, politischer und nationaler Hinsicht. Heute, zwei Jahrzehnte nach der Wende, erheben die Religionsgemeinschaften Südosteuropas häufig den Führungsanspruch in der Gesellschaft – nicht nur in religiöser und moralischer, sondern auch in national-politischer Hinsicht. Bei ihren Versuchen, die Gesellschaft zu sakralisieren, profanisieren sie sich jedoch häufig selbst. Mit diesen Phänomenen befassen sich die in diesem Band enthaltenen Beiträge, die in Form von Referaten im Rahmen der vom 16. bis 18. September 2010 in Graz abgehaltenen Tagung «Sakralisierung des öffentlichen Raums in Südosteuropa nach der Wende 1989» präsentiert und diskutiert wurden.

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Sakralisierung des öffentlichen Raums. Zur Frage einer sozial-ethischen Qualitäthistorischer Räume und Zeiten. Alois Mosser

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35 Sakralisierung des öffentlichen Raums. Zur Frage einer sozial-ethischen Qualität historischer Räume und Zeiten Alois Mosser Es war die Kanzel, die dem Kind vorweg Aufmerksamkeit beim sonntäglichen Messbesuch abnötigte. Der immer mit Blumen geschmückte Altar stellte sich mir als Wandverkleidung dar, aus der der Pfarrer, wenn er die Kanzel zur Predigt bestieg, gleichsam heraustrat. Den Worten von ‚oben‘ entsprach eine zunehmende Stille ,unten‘ im Kirchenschiff. Die Kanzel als hervorgehobener Ort einer ,treffsicheren‘ Kommunikation behielt auch im Kopf des pubertierenden Gymnasiasten ihre Gül- tigkeit. Ein Erlebnis wirkte wie eine Bestätigung der jugendlichen Vorstellungen: Mitte der fünfziger Jahre kam der als Wanderprediger bereits bekannte Jesuit „Pater Lep- pich“1 nach Linz/Donau. An die 40.000 Menschen strömten auf den Hauptplatz der Stadt, um ihn in seiner unnachahmlichen Art, mit der er die Botschaft Christi ver- kündete und soziale Werke einmahnte, zu hören. Ich war Zeuge einer nahezu zwei- stündigen, vom Balkon eines Hauses aus gehaltenen, völlig freien Rede, die ein- dringlich, meinem Empfinden nach ohne Pause auf die Zuhörer niederging. Sind mir heute die einzelnen Sachverhalte auch nicht mehr gegenwärtig, so erfasste ich da- mals intuitiv, was das Wort ,abkanzeln‘ eigentlich aussagt. Die Kanzel als historisch bedeutsames kommunikatives Kraftfeld hat heute höchstens noch eine repräsentative Bedeutung. Eine Kulturgeschichte der Kanzel würde jedoch eine reichhaltige Erzählung über das Sendungsbewusstsein und die Öffentlichkeitsarbeit speziell der katholischen Kirche abgeben und das komplexe Beziehungsgefüge zwischen Kirche und...

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