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Die «klassische Reitkunst»

Ideologie und Wirklichkeit – Konstanz und Wandel - Teil 1 und 2

Heinz Meyer

Die Arbeit expliziert die Bemächtigung des Menschen über das Pferd als die Basis der anthropologisch, kultursoziologisch und kulturhistorisch relevanten Mensch-Pferd-Beziehung. An die grundsätzliche Erörterung der Nutzung des Pferdes als Zug- und Reittier schließt sich die historische Darstellung an, zunächst die der Funktion des Pferdes in Antike und Mittelalter. Besonders detailliert informiert das Buch über die neuzeitlichen Lehrschriften zur Ausbildung des Reitpferdes. Diese Explikation reicht bis in die Gegenwart, bis zu den Richtlinien für den internationalen Hochleistungssport, den Reitlehren der sogenannten alternativen Szene und veterinärwissenschaftlichen Aussagen zur Nutzung des Pferdes. Kritisch beschreibt und deutet der Autor die diversen Auffassungen über die Ausbildung und die Nutzung des Pferdes unter dem Sattel. Ausdrücklich hebt er seine Analyse von den ideologischen Darstellungen der sogenannten «klassischen Reitkunst» ab. Neben den die Epochen überdauernden Auffassungen werden die Veränderungen und auch die Widersprüche benannt. Die verbreitete Überzeugung von einer einzig wahren, zeitunabhängigen und bis in die griechische Antike zurückreichenden Lehre identifiziert der Autor als ein ideologisches Konstrukt.

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I. Einleitung

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1. Zur "Natürlichkeit" der reiterlichen Ausbildung und Nutzung des Pferdes Zahlreiche Praktiker im Sattel sprechen vom Reiz, den die intensive Beschäftigung mit dem Pferd auf sie ausübe. Überschwenglich glorifizierten Literaten die kulturelle und Pädagogen die erzieherische Bedeutung der reiterlichen Begegnung von Mensch und Pferd. Bildende Künstler führten die Schönheit und die Harmonie dieser Verbindung vor Augen. Solchen Praktikern, Literaten, Pädagogen und Bildenden Künstlern widersprachen manche Zivilisationskritiker und diverse Vertreter eines rigorosen Tierschutzes. Diese stellten das Reiten als eine widernatürliche Bemächtigung des Menschen über das Tier dar. Sie betonten die mit der Ausbildung sowie der Nutzung unter dem Sattel verbun- denen Ängste, Leiden, Schmerzen und Schäden des Pferdes.(Binding 1924,13 et 17; Lawrence 1925,73 ss.; Gombrowicz 1958,408 ss.; Meyer 2012a,15 ss.) Die folgenden Aussagen sollen das "bio-logisch" fundierte Verhältnis von Mensch und Tier im Reiten darlegen. Sie stimmen dem radikalen Verdikt des Reitens nicht zu, dis- kreditieren allerdings auch den letztlich naiven Versuch, die eine oder eine andere Reitauffassung inklusive ihrer Leistungsanforderungen als "natürlich" auszugeben und sich so von der moralischen Verantwortung für die reiterliche Bemächtigung des Men- schen über das Tier zu entlasten. Das Reiten ist keine selbstverständliche Aktion des Menschen. Diese Feststellung läßt sich unter anderem historisch leicht belegen: Erst relativ spät wurde die systematische Fortbewegung des Menschen auf dem Rücken des Pferdes erfunden beziehungsweise praktiziert. Das wahrscheinlich im 4. Jt. v. u. Zr. domestizierte...

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