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Prosa von Gabriele Wohmann

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Grit Dommes

Von 1958 an hat Gabriele Wohmann ein umfangreiches Œuvre veröffentlicht, überwiegend Prosa. Kritik und Forschung sind sich lange schon einig, was von diesem Werk zu halten ist: Im besten Fall werden der Autorin eine genaue Beobachtungsgabe und die Kenntnis von Kommunikationsstörungen im privaten Bereich bescheinigt. Beanstandet werden dagegen die immer gleichen Beschreibungen eines langweiligen Alltags und die Beschränkung auf den bürgerlichen Mittelstand. Liest man die Erzählungen und Romane jedoch konsequent im sozialen und literarischen Kontext der Bundesrepublik, ergibt sich ein anderes Bild. Dann stößt man auf Texte, die an literarischen Entwicklungen teilhaben, die zur Tagespolitik Position beziehen und dabei die Grundvoraussetzungen der zeitgenössischen Gesellschaft auf den Prüfstand stellen – Texte, denen in der Literaturgeschichte ein fester Platz gebührt.

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1 Bilanz – Nachruf (1970)

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»Wie kann man aus Millionen Spuren, die jemand nach seinem Tod hinterläßt, ein Werk bestimmen?« (Michel Foucault, Was ist ein Autor?) Eine Schriftstellerin ist gestorben, aber der Nachruf nennt keinen Namen. Der fällt dem Leser indes ein, sobald er die Stichwörter liest, die das Werk kategori- sieren sollen – »Alltagsbeobachtung, Detailstudie, böser Blick auf mittelkleine Ereignisse zwischen mittelkleinen Personen« (277)1: Auf diese Formeln bringen Rezensionen und Klappentexte das Werk von Gabriele Wohmann. Ein Autorna- me, so erläuterte Michel Foucault 1969, »besitzt klassifikatorische Funktion; mit einem solchen Namen kann man eine gewisse Zahl von Texten gruppieren, sie abgrenzen, einige ausschließen, sie anderen gegenüberstellen«.2 Dem Autorna- men entsprechen die Werk- und Stilklischees. Gleich der erste Satz des Nachrufs ist ein Verstoß gegen das Gesetz der Text- sorte, nur das Außergewöhnliche zu thematisieren: »Keine besondere Gegend, kein besonderes Wetter, keine besondere Todesursache: Altersschwäche in Hes- sen bei mittleren Zimmertemperaturen.« (277) Ebenso verfährt der Nachruf mit dem schriftstellerischen Werk, dem durchgehend Mittelmäßigkeit bescheinigt wird. »Für ihre nicht weiter umwälzenden Bücher wird ein gewisser Leserkreis eine gewisse, nicht ganz ungetrübte Zuneigung bewahren« (282), so lautet das Fazit – Zustimmung unter dreifachem Vorbehalt. Soviel ist geblieben vom bürgerlichen Selbstverständnis des Künstlers, das diesen am Beginn der Neuzeit aus den Niederungen des Handwerks erhoben hatte: »Mein Schall floh überweit. Kein Landsman sang mir gleich. […] […] Man wird mich nennen hören«, 1 Die den Zitaten und Verweisen im Text...

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