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Prosa von Gabriele Wohmann

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Grit Dommes

Von 1958 an hat Gabriele Wohmann ein umfangreiches Œuvre veröffentlicht, überwiegend Prosa. Kritik und Forschung sind sich lange schon einig, was von diesem Werk zu halten ist: Im besten Fall werden der Autorin eine genaue Beobachtungsgabe und die Kenntnis von Kommunikationsstörungen im privaten Bereich bescheinigt. Beanstandet werden dagegen die immer gleichen Beschreibungen eines langweiligen Alltags und die Beschränkung auf den bürgerlichen Mittelstand. Liest man die Erzählungen und Romane jedoch konsequent im sozialen und literarischen Kontext der Bundesrepublik, ergibt sich ein anderes Bild. Dann stößt man auf Texte, die an literarischen Entwicklungen teilhaben, die zur Tagespolitik Position beziehen und dabei die Grundvoraussetzungen der zeitgenössischen Gesellschaft auf den Prüfstand stellen – Texte, denen in der Literaturgeschichte ein fester Platz gebührt.

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5 Paulinchen war allein zu Haus (1974)

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»›Herbei! Herbei! Wer hilft geschwind? In Feuer steht das ganze Kind! Miau! Mio! Miau! Mio! Zu Hilf’! das Kind brennt lichterloh.‹« (Heinrich Hoffmann, Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug) 5.1 Psychagogische Experimente »Es ist meins: ich hab’s aufgezogen«, begründet Grusche vor dem Richter ihr Recht auf Michel, das Kind des gestürzten Gouverneurs. Am Ende wird ihr der Junge tatsächlich zugesprochen, den »Banden des Blutes« zum Trotz. Und die Moral von Brechts Stück Der kaukasische Kreidekreis lautet, »daß da gehören soll, was da ist / Denen, die für es gut sind, also / Die Kinder den Mütterlichen, damit sie gedeihen«.327 Der Fall ist allerdings einfach, schwarz-weiß gemalt: Als die Revolte ausbricht, hat die leibliche Mutter, die Reiche, mehr Angst um ihre Kleider als um ihren Sohn328; später fordert sie ihn zurück, weil Michel der Erbe der »sehr großen Abaschwili-Güter« ist. Das Küchenmädchen Grusche nimmt sich des Jungen zunächst widerwillig an, versorgt ihn unter Entbehrungen und gewinnt das fremde Kind schließlich lieb: »Ich hab’s aufgezogen! Soll ich’s zerrreißen? Ich kann’s nicht!«329 Es ist dieser Liebesbeweis, der den Ausschlag für Azdaks Urteil gibt. Auch an einen guten Vater ist im weisen Spruch des Richters gedacht. Grusches Vernunftehe wird geschieden, sie ist damit frei für Simon, der sie liebt und dem auch Michel »gefällt«.330 Die ideale Familie wäre also nicht die natürliche, sondern eine bewusst zusammengefügte, eine, die...

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