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Prosa von Gabriele Wohmann

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Grit Dommes

Von 1958 an hat Gabriele Wohmann ein umfangreiches Œuvre veröffentlicht, überwiegend Prosa. Kritik und Forschung sind sich lange schon einig, was von diesem Werk zu halten ist: Im besten Fall werden der Autorin eine genaue Beobachtungsgabe und die Kenntnis von Kommunikationsstörungen im privaten Bereich bescheinigt. Beanstandet werden dagegen die immer gleichen Beschreibungen eines langweiligen Alltags und die Beschränkung auf den bürgerlichen Mittelstand. Liest man die Erzählungen und Romane jedoch konsequent im sozialen und literarischen Kontext der Bundesrepublik, ergibt sich ein anderes Bild. Dann stößt man auf Texte, die an literarischen Entwicklungen teilhaben, die zur Tagespolitik Position beziehen und dabei die Grundvoraussetzungen der zeitgenössischen Gesellschaft auf den Prüfstand stellen – Texte, denen in der Literaturgeschichte ein fester Platz gebührt.

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7 Der Flötenton (1987)

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»Es ist alles beim alten, keiner gestorben.« (184) 7.1 Tschernobyl Mit der Reaktorexplosion von Tschernobyl im April 1986 nahm jene Angst Ge- stalt an, die längst das bestimmende Lebensgefühl in der Bundesrepublik war. Im Januar 1982 hatte Der Spiegel mit der Schlagzeile Die Angst der Deutschen. Be- richt über die Stimmungslage der Nation aufgemacht. Als Ursache der Angst präsentierte die Titelstory ein diffuses Gemenge aus wirtschaftlicher Unsicher- heit, ökologischen und militärischen Bedrohungen, dem Verlust von Werten, einem rapiden Wandel von Lebensformen und dem »deutschen Wesen«.539 Umweltthemen hatten bis Ende der sechziger Jahren nur in regionalen Initiativen eine Rolle gespielt, fanden erst mit dem Beginn der sozialliberalen Koalition Ein- gang in die Bundespolitik. Hans-Dietrich Genscher, damals Innenminister unter Willy Brandt, erhielt die Abteilung »Gewässerschutz, Luftreinhaltung und Lärm- bekämpfung« vom Gesundheitsministerium und etablierte dafür die prägnantere Bezeichnung »Umweltschutz«. Die gewachsene Aufmerksamkeit schien ge- rechtfertigt, leitete doch eine Reihe von düsteren Zukunftsprognosen das neue Jahr- zehnt ein, darunter Dennis Meadows Report Die Grenzen des Wachstums, 1972 als Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit veröffentlicht. Die Proteste gegen das geplante Kernkraftwerk in Wyhl, 1975, fanden erstmals breite Unterstüt- zung in der Bevölkerung – und hatten Erfolg: Der Reaktor wurde nicht gebaut. Un- ter dem Eindruck der Ölkrise wuchs indes das Ansehen der Kernenergie wieder. Entgegen der weitverbreiteten Skepsis hatten unter den Parteien die Sozial- demokraten, aber auch linke Philosophen wie Ernst Bloch zunächst große Hoff- nungen...

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