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Prosa von Gabriele Wohmann

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Grit Dommes

Von 1958 an hat Gabriele Wohmann ein umfangreiches Œuvre veröffentlicht, überwiegend Prosa. Kritik und Forschung sind sich lange schon einig, was von diesem Werk zu halten ist: Im besten Fall werden der Autorin eine genaue Beobachtungsgabe und die Kenntnis von Kommunikationsstörungen im privaten Bereich bescheinigt. Beanstandet werden dagegen die immer gleichen Beschreibungen eines langweiligen Alltags und die Beschränkung auf den bürgerlichen Mittelstand. Liest man die Erzählungen und Romane jedoch konsequent im sozialen und literarischen Kontext der Bundesrepublik, ergibt sich ein anderes Bild. Dann stößt man auf Texte, die an literarischen Entwicklungen teilhaben, die zur Tagespolitik Position beziehen und dabei die Grundvoraussetzungen der zeitgenössischen Gesellschaft auf den Prüfstand stellen – Texte, denen in der Literaturgeschichte ein fester Platz gebührt.

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8 Bitte nicht sterben (1993)

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»Wer nicht stirbt, wird alt und älter.« (Gabriele Wohmann, Sechzig paßt) 8.1 Ansichten vom Ende des Lebens Wer vom Altwerden spricht, kommt nicht umhin, Krankheit, Verfall und Tod mitzudenken. Nicht bloß Geburtstagsreden, auch literarische Texte, die sich zu diesem Thema äußern, sind daher anfällig für Beschwichtigungen oder Verklä- rungen. Ja, was als Kunst gilt und gleichzeitig die genannten Tabus umschifft, gibt nur allzu geeignetes Material für Redenschreiber ab. Hermann Hesses Stufen, der Deutschen liebstes Gedicht656, ist geradezu ein Meisterstück des Schönredens. Der Text ist so konstruiert, dass allem, was Schmerz oder Verlust signalisieren könnte, sofort ein Gegenbegriff zugeordnet wird: Zwar weiche die Jugend dem Alter, aber kein Welken sei ohne Blüte, kein Abschied ohne Neubeginn. Die Anleihe bei Goethes Gedicht Selige Sehnsucht aus dem West-östlichen Divan ist deutlich, aber während dort ein elitäres Konzept vorgestellt wird657, feiern Hesses Stufen das »Stirb und werde!«658 als omnipotentes Lebensprinzip: »Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, / Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.«659 Die Bilderbogen des 19. Jahrhunderts, die das Leben in Altersstufen gliedern, sind so optimistisch nicht: Bis zur Mitte steigt die Lebenstreppe an, dann fällt sie in gleicher Weise wieder ab, am Ende bleibt bloß »die letzte Reis’« oder die 656 Als im Mai 2000 der WDR 3000 Hörer nach ihrem Lieblingsgedicht befragte, landete Stufen vor Rilkes Herbsttag und Frieds Was es ist auf dem ersten Platz. Als Lieblingsgedicht des...

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