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Simulation: Verhaltensstrategien und Erzählverfahren im neusachlichen Roman

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Maite Katharina Hagen

Der neusachliche Roman wird auf der Grundlage soziokultureller Texte der Zehner-, Zwanziger- und Dreißigerjahre analysiert. Zentrale Werke sind Das kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun, Erich Kästners Fabian, Martin Kessels Herrn Brechers Fiasko und Bin ich ein überflüssiger Mensch? der österreichischen Autorin Mela Hartwig. Die Leitkategorie der Simulation ermöglicht es, die vielschichtigen Überschneidungen zwischen der Literatur und dem modernen Großstadtleben aufzuzeigen. Simulation bezeichnet dabei sowohl strategisch eingeübte Verhaltensmuster als auch Erzählverfahren. Aus der Untersuchung ergibt sich, dass im neusachlichen Roman zugleich Phänomene des Alltagslebens reflektiert und Wahrnehmungsstrukturen reproduziert werden.

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Einleitung

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„,Das steht doch schon alles in den Romanen‘“, erwidert eine Privatangestellte auf die Frage nach ihrem Büroleben.1 Die in Siegfried Kracauers Angestellten- Studie damit bezeichnete Überschneidung von Lebens- und Kunstwelten be- stimmt die Wahrnehmung der modernen Großstadt, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstärkt zur experimentellen Bühne inszenierter Realitäten wird. Wesentlich beeinflusst von der Verbreitung visueller Medien gilt es, die alltägliche Erfahrung einer beschleunigten Lebenswirklichkeit auch sprachlich festzuhalten. Literarische Verfahren zur Darstellung der urbanen Lebenswelt und deren Wahrnehmung werden erprobt. In der Gegenüberstellung der sozio- kulturellen Beobachtung Kracauers mit der poetologischen Forderung Alfed Döblins „Mut zur kinetischen Phantasie und zum Erkennen der unglaublichen realen Konturen! Tatsachenphantasie!“2 zeigt sich die Diskrepanz von produkti- onsästhetischem Innovations- und rezeptionsästhetischem Identifikationsbedürf- nis, die den zeitgenössischen Sachlichkeitsdiskurs polarisiert. Aus der Diskussi- on einer der modernen Großstadt adäquaten Wirklichkeitsdarstellung geht der paradoxe Anspruch sachlichen Erzählens hervor: Döblins Plädoyer für einen entpsychologisierten, „geschichteten“ Roman kollidiert mit der Problematisie- rung des von Kracauer studierten Angestelltenlebens in der Literatur. These der Arbeit ist, dass die Simulationsverfahren des neusachlichen Romans dieses Spannungsverhältnis von sachlicher Darstellung und Thematisierung der zeitge- nössischen Lebenswelt produktiv lösen. In der ästhetischen Reproduktion von Wahrnehmungsstrukturen3 wird die Differenzierbarkeit von Schein und Sein obsolet und jegliche Referenzialität aufgehoben. Damit eignet sich die Wirk- lichkeitssimulation als Erzählform einer dynamisierten Gesellschaft, in der sich das Individuum ohne feste Bezugspunkte positionieren muss. Die...

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