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Simulation: Verhaltensstrategien und Erzählverfahren im neusachlichen Roman

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Maite Katharina Hagen

Der neusachliche Roman wird auf der Grundlage soziokultureller Texte der Zehner-, Zwanziger- und Dreißigerjahre analysiert. Zentrale Werke sind Das kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun, Erich Kästners Fabian, Martin Kessels Herrn Brechers Fiasko und Bin ich ein überflüssiger Mensch? der österreichischen Autorin Mela Hartwig. Die Leitkategorie der Simulation ermöglicht es, die vielschichtigen Überschneidungen zwischen der Literatur und dem modernen Großstadtleben aufzuzeigen. Simulation bezeichnet dabei sowohl strategisch eingeübte Verhaltensmuster als auch Erzählverfahren. Aus der Untersuchung ergibt sich, dass im neusachlichen Roman zugleich Phänomene des Alltagslebens reflektiert und Wahrnehmungsstrukturen reproduziert werden.

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I. Simulation im neusachlichen Diskurs der Weimarer Republik

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Jean Baudrillards experimentelles Theoretisieren163 bildet den Ausgangspunkt, um die Wahrnehmung der Moderne und Strategien ihrer Bewältigung sowie äs- thetische Verfahren der Wirklichkeitsdarstellung als Dimensionen der Simulati- on herauszustellen. Der symbolische Tausch und der Tod (1976) und Die Prä- zession der Simulakra (1978) werden somit als Sammlungen allgemein kultur- theoretischer, soziologischer, anthropologischer und ästhetischer Betrachtungen gelesen.164 Baudrillards eindrückliche Formulierungen dienen der Bezeichnung von Phänomenen der klassischen Moderne, über die der zeitgenössische Diskurs ausgiebig geführt wurde. Theoretische Äußerungen in Zeitschriftenartikeln und anderen nichtfiktionalen Texten zeugen von einer scharfsinnigen Selbstbeobach- tung der modernen Gesellschaft. Insbesondere im zunehmend präsenten und ausgefeilten Feuilleton der Weimarer Republik spiegelt sich die Lebenswelt der Großstadt. Die differenzierten Analysen und treffsicheren Kommentierungen der Zeit- genossen zeichnen ein kritisches Bild der Moderne als „Simulationszeitalter“, in dem mit der Möglichkeit technischer Reproduktion die Differenzierbarkeit von Schein und Sein aufgehoben wird und sich ein rational-intellektueller Großstadt- typ behauptet. Der „Effekt des Realen“ bestimmt die Wahrnehmung; die um den Film ergänzten und sich stark ausweitenden Medien erzeugen „Hyperrealität“. Das orientierungslose Individuum verfällt dem „Identifikationsrausch“, der vor allem im Kino Befriedigung findet, und kultiviert die „Leidenschaft am Künstli- chen“ in der Ausrichtung an sich rasant wandelnden Moden. Mit der momenta- nen Inszenierung des Kältehabitus geht die „Funktionalisierung des Körpers“ als Ware im gesellschaftlichen Spiel um Anerkennung einher. Über die kritische Selbstbeobachtung der Moderne hinaus werden adäquate Verfahren ihrer ästhe- tischen Darstellung gefordert. Die „unbegrenzte Reproduktion der...

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