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Simulation: Verhaltensstrategien und Erzählverfahren im neusachlichen Roman

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Maite Katharina Hagen

Der neusachliche Roman wird auf der Grundlage soziokultureller Texte der Zehner-, Zwanziger- und Dreißigerjahre analysiert. Zentrale Werke sind Das kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun, Erich Kästners Fabian, Martin Kessels Herrn Brechers Fiasko und Bin ich ein überflüssiger Mensch? der österreichischen Autorin Mela Hartwig. Die Leitkategorie der Simulation ermöglicht es, die vielschichtigen Überschneidungen zwischen der Literatur und dem modernen Großstadtleben aufzuzeigen. Simulation bezeichnet dabei sowohl strategisch eingeübte Verhaltensmuster als auch Erzählverfahren. Aus der Untersuchung ergibt sich, dass im neusachlichen Roman zugleich Phänomene des Alltagslebens reflektiert und Wahrnehmungsstrukturen reproduziert werden.

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II. Narrative Simulationsverfahren im neusachlichen Roman

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Bei der Simulation als Wahrnehmungsreproduktion überlagern sich Wirklichkeit und Schein, auf deren Unterscheidung mimetische Kunstformen basieren. An- stelle der Bezugnahme auf eine der ästhetischen vorgängige Welt negiert sich der Medialisierungsprozess in der Simulation. Die Verdoppelung des Realen ersetzt die Repräsentation. Demnach schließen die Simulationsverfahren sachli- chen Erzählens präsente Vermittlungsinstanzen aus, die den Handlungsverlauf psychologisch motivieren, und erfordern narrative Konstruktionen, die Hyperre- alität generieren. Die Annahme einer der modernen Wahrnehmungsdisposition analogen Struktur neusachlicher Literatur wird anhand der Analyse von Erzählinstanzen und Figurendarstellungen überprüft. Aus den zeitgenössischen theoretischen Äußerungen ergab sich das Paradigma der Bewegung, in das die in unterschied- lichen Kontexten diskutierten Veränderungen der Wahrnehmung eingeschrieben sind. Damit qualifiziert sich insbesondere der Film als Medium der Wirklich- keitsdarstellung: Die Rezeption des Bewegungsbildes evoziert ein duales Reali- tätserlebnis, insofern das alltäglich Gesehene und das alltägliche Sehen wahrge- nommen werden. Von der Literatur wird eine entsprechende Medialisierungs- leistung erwartet, zugleich bleibt dieser der ästhetizistische Autonomiestatus verwehrt. Vielmehr ist neben einer adäquaten Form des Erzählens von Bewe- gung die Reflexion der individuellen Identitätssuche gefordert. Die paradoxen Voraussetzungen verweisen bereits auf die Komplexität sachlicher Narration, die weitaus innovativer auf den theoretischen Sachlichkeitsdiskurs reagiert, als es die poetologischen Schlagworte vermuten lassen: Aus dem Anspruch wirk- lichkeitsanalogen Erzählens resultieren moderne Darstellungsverfahren der Wahrnehmungsreproduktion, die zeittypische Prozesse der Identitätskonstrukti- on simulieren. Damit stellt sich die Frage, inwiefern fluktuierende Erzählinstan- zen die Prozesshaftigkeit und Labilität der Ich-Konstruktion...

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