Show Less

«Produzenten statt Parasiten»

Entwürfe und Wirklichkeiten beruflicher Ausbildung im modernen Argentinien

Series:

Veronica Oelsner

Das Buch untersucht den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Repräsentationen von Arbeit, Beruf und Bildung und der Ausgestaltung von Berufsbildungsstrukturen in Argentinien. Im Mittelpunkt stehen die verstärkten Debatten zur Berufsbildung in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sowie die umfangreichen Berufsbildungsreformen während der Regierungszeit Peróns in den Jahren 1944 bis 1955. Die Autorin rekonstruiert die jeweils vorherrschenden, teils historisch gewachsenen, teils bewusst geschaffenen, Repräsentationen und zeigt, wie sie bestimmte Entwicklungen der Berufsbildung befördert, erschwert oder gar behindert haben. Die Studie bietet nicht nur eine komplexe Sicht auf die argentinische Berufsbildung; sie eignet sich auch als Ausgangspunkt für die Untersuchung weiterer Fälle.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

1. Argentinien: Berufsbildung ohne „Beruf“?

Extract

Berufsbildung: Schattenexistenz trotz gesellschaftspolitischer Steuerungsintentionen Die Untersuchungen unserer Soziologen sind zu dem Schluss gekommen, dass unse- re gesamte Kultur sich ausschließlich dem Papier und der Theorie gewidmet hat, was dem gegenwärtigen wirtschaftlichen und industriellen Leben unseres Landes schweren Schaden zufügt. (Lestard 1919, S. 1)1 Mit diesen Worten klagte im Jahr 1919 Gastón H. Lestard, ein Experte für Wirt- schaftspolitik,2 in der Zeitschrift des Argentinischen Industrieverbandes (UIA)3 ein in seinen Augen tief greifendes Problem der argentinischen Gesellschaft an. Der Redakteur hielt fest, dass die „rein theoretisch“ orientierten Bildungsein- richtungen sich „übermäßig“ vervielfacht hätten, während die Pflege der prakti- schen Wissenschaften und der manuellen Tätigkeiten „sträflich vernachlässigt“ würden. Die Folge war seiner Meinung nach ein wachsendes „akademisches Proletariat“ – eine Entwicklung, die sich durch die „bedauerliche, von Eitelkeit getriebene Tendenz“ vieler Handwerker und reicher Bauern verstärkt sah, ihre Kinder „fälschlicherweise“ von Tätigkeiten in Landwirtschaft, Viehzucht, In- dustrie oder Handel fernzuhalten, damit sich diese stattdessen an den „freien Be- rufen“ orientierten (Lestard 1919, S. 1).4 1 Dieses und alle nachstehenden Zitate aus spanischsprachigen Quellen und Forschungsli- teratur sowie die Titel von Veröffentlichungen bestimmter Akteure sind zum Zweck dieser Arbeit von der Autorin selbst übersetzt worden. 2 Gastón H. Lestard war ein Spezialist für Banken-, Währungs- und Kreditpolitik. Neben dem hier zitierten Beitrag für die Zeitschrift des Argentinischen Industrieverbandes ver- öffentlichte er in den 1920er und 1930er Jahren zahlreiche Bücher...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.