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Kodifikation in Europa

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Edited By Arnd Koch and Matthias Rossi

Kodifikationen erheben den Anspruch, einen Rechtsstoff systematisch, umfassend und abschließend zu normieren. Der Kodifikationsgedanke beherrschte die kontinentaleuropäische Rechtsentwicklung des 18. und 19. Jahrhunderts. Vor dem Hintergrund zunehmender Diversifizierung und Europäisierung des Rechts stellt sich indes die Frage nach seiner Zukunftsfähigkeit. Die hier versammelten Aufsätze, die auf eine Augsburger Ringvorlesung zurückgehen, dokumentieren den Stand der gegenwärtigen rechtswissenschaftlichen Diskussion. Es wird gezeigt, dass die Kodifikationsidee auch im 21. Jahrhundert eine Zukunft hat.

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Das Jahrhundert der Strafrechtskodifikation. Von Feuerbach zum Reichsstrafgesetzbuch (Arnd Koch)

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103 Das Jahrhundert der Strafrechtskodifikation Von Feuerbach zum Reichsstrafgesetzbuch Arnd Koch A. Einführung Im Jahre 1771, genau 100 Jahre vor Inkrafttreten des Reichsstrafgesetzbu- ches, fand in der Freien Reichsstadt Frankfurt am Main ein Strafverfahren statt, das Spuren in der Literaturgeschichte hinterließ.1 Die unverheiratete Dienstmagd Susanna Margaretha Brandt wurde verurteilt, weil sie ihr Kind unmittelbar nach der Geburt getötet hatte. Rechtsgrundlage des Urteils bil- dete Art. 131 der Constitutio Criminalis Carolina aus dem Jahre 1532. Über- führte Kindsmörderinnen waren hiernach lebendig zu begraben und zu pfäh- len. Dieses Schicksal zumindest blieb der Delinquentin erspart; der Henker vollstreckte das Todesurteil durch Enthaupten, nach zeitgenössischem Ver- ständnis der mildesten Hinrichtungsart. Goethe, der zu dieser Zeit in Frank- furt als Anwalt praktizierte, ließ das Kindsmordmotiv, wohl inspiriert durch den „Fall Brandt“, in seinem „Faust“ wiederaufleben. Bei der Schilderung dieses historischen Kriminalfalls stoßen wir auf drei Auffälligkeiten: Eine zur Zeit des Urteils rund 250 Jahre alte Rechtsgrundlage, grausame Strafandrohungen, aber auch Richter, die von den Sanktionen der Carolina abweichen, sie unterschreiten. Hierauf wird zurückzukommen sein. Der „Fall Brandt“ verdeutlicht zugleich die Reformbedürftigkeit des damali- gen Strafrechts. So verwundert es nicht, dass über Deutschland auf dem Ge- biet des materiellen Strafrechts seit Ende des 18. Jahrhunderts eine „mäch- tige Kodifikationswelle“2 hinwegging. Als bedeutendste Gesetzeswerke vor Erlass des Reichsstrafgesetzbuches seien genannt das Preußische Allgemeine Landrecht (1794)3, das Strafgesetzbuch für die preußischen Staaten (1851)4, 1 R. Habermas (Hg.), Das...

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