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Die Schule der Janitscharen

Aus dem Polnischen übersetzt von Christoph Koch

Alojzy Twardecki

Alojzy Twardeckis Schule der Janitscharen ist das bislang einzige Buch, das aus dem Munde eines Betroffenen in der Rückschau des jungen Erwachsenen über das Schicksal Tausender von Kindern aus den von Deutschland im Zweiten Weltkrieg eroberten Ländern berichtet. Diese Kinder wurden, da blond und blauäugig, im Rahmen des nationalsozialistischen Programms der «Rettung deutschen Blutes» der «Eindeutschung» für würdig befunden, ihren Eltern gewaltsam fortgenommen, in Kinderheimen einer Umerziehung zur Auslöschung ihrer tatsächlichen Identität unterzogen und endlich mit deutschem Namen, deutschem Lebenslauf und nationalsozialistischem Bewußtsein im «Reich» in Pflege durch systemkonforme Familien gegeben. Der Hauptteil des Buches berichtet über die jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen der leiblichen Mutter und der Adoptivfamilie, zwischen den polnischen und deutschen Behörden um den Besitz des glücklich wiedergefundenen Kindes, das sich endlich bei einem Besuch der polnischen Mutter für den Verbleib in Polen entschied. Das Buch zeichnet ein eindringliches Bild der im Schatten des Dritten Reiches entstehenden westdeutschen Nachkriegsrepublik und der deutsch-polnischen Beziehungen im Zeichen des fortschreitenden Kalten Krieges. Ebenso eindringlich ist das Bild des bleibenden Niederschlags dieser Verwerfungen in der Psyche des Kindes, das die Kluft zwischen seiner deutschen und seiner polnischen Identität im späteren Leben nie gänzlich zu schließen vermochte. Das Vorwort des Buches gibt einen Überblick über die Behandlung des Themas der nationalsozialistischen Eindeutschungspolitik in Wissenschaft und gesellschaftlichem Bewußtsein auf beiden Seiten der deutsch-polnischen Grenze. Dem Buch sind Dokumente zur nationalsozialistischen Rasse- und Siedlungspolitik und zur Repatriierung des Autors beigegeben.

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Nachwort des Autors

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Wir schreiben das Jahr 2012. Das Buch, das Sie, lieber deutscher Leser, mit langer Verzögerung in die Hand bekommen, wurde von mir in den sechzi- ger Jahren in 21 Nächten niedergeschrieben und sollte ein Befreiungsschlag für mich sein, ein Befreiungsschlag von all jener Last meiner deutschen Vergangenheit, die mir in meinem wiederentdeckten Vaterland Polen so schwer zu schaffen gemacht und mir so viele Holpersteine auf meinem neuen Lebensweg vor die Füße geworfen hat. Ich habe durchaus meine Zweifel, ob es überhaupt zweckmäßig ist, einem oder einer Deutschen sol- che Aufzeichnungen aus einer heute unverständlichen Zeit zuzumuten, um so mehr, als sie in erster Linie für mich gedacht und darüber hinaus vor al- lem für polnische Leser geschrieben waren. Ob er oder sie es z. B. über- haupt nachvollziehen können, daß man, wenn man in den fünfziger und sechziger Jahren in Warschau in öffentlichen Verkehrsmitteln Deutsch sprach, gelinde gesagt, feindselig angeblickt wurde, was für Menschen, die 1945 oder 1946 und noch einige Jahre darauf das Warschau der Nach- kriegszeit gesehen hatten, keineswegs überraschend war. Einige Dinge würde ich heutzutage nicht mehr zu behaupten wagen, etwa daß hier in Po- len nicht das Geld den Menschen macht, sondern der Charakter (denn in- zwischen sind auch wir mit dem Kapitalismus gesegnet worden, wovon wir wie immer die atavistischste Variante gewählt haben), oder daß Polen nie im Stande wären, solche Dinge zu tun, wie sie die Deutschen getan haben...

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