Show Less

Die Dialektik des Geheimnisses

Series:

Edited By Grazyna Kwiecinska

Was mag «Dialektik des Geheimnisses» heißen? Geheimnisse können enthüllt werden, wenn auch nicht immer mit Erfolg, und es gibt offene Geheimnisse, von denen nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Doch es gibt auch Geheimnisse, die es bleiben und über die man nur Vermutungen anstellen kann, zumal auf den Spuren der hermetischen Literatur. Es ist eine Hermetik, die sich nicht in gewöhnlicher Kommunikationsverweigerung erschöpft, sondern – mit Adorno gesprochen – dialektisch verfasst ist: Ihr Schweigen soll als ein Zeichen, als eine öffentliche Bekundung im weitesten Sinne verstanden werden. Der Betrachtungszeitraum dieses Bandes beginnt im 18. Jahrhundert mit Hamann, Goethe und Novalis. Von dort aus wird ein Bogen ins 21. Jahrhundert geschlagen, bis hin zu Yoko Tawadas Celan-Übersetzung und der Holocaustliteratur der dritten Generation. Das behandelte Textfeld umfasst über die klassische Sphäre hinaus auch politische Programme und kulturphilosophische Entwürfe. Dementsprechend reicht die Bandbreite der verwendeten Methodologien von Ideen- und Diskursgeschichte bis hin zur Textrhetorik, Intertextualität und Intermedialität.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

Anne-Rose Meyer: Geheimnisvolle Schleier – Novalis, Schiller, Radcliffe

Extract

Geheimnisvolle Schleier – Novalis, Schiller, Radcliffe Anne-Rose Meyer ‚Schleier‘ und ‚Geheimnis‘ sind in sprachlichen Bildern eng aufeinander bezo- gen: Wenn wir sagen, dass ein „Schleier gelüftet“ wird, geht es darum, bislang Verborgenes aufzuzeigen. Dasselbe meint die Redewendung ein Geheimnis werde „ent-hüllt“ oder „ent-deckt“. Erkennen und Entschleiern scheinen demzu- folge vergleichbare Vorgänge zu bezeichnen und sind als Metaphern in Litera- tur, Kunst, Philosophie und anderen Disziplinen extrem produktiv. Ohne an dieser Stelle auf die umfangreiche Tradition der Verbindung von Schleier und Erkenntnis eingehen zu können1, sei exemplarisch auf zwei Texte verwiesen, deren innerer Zusammenhang mit einem englischsprachigen dritten bislang nicht aufgedeckt (!) worden ist: Novalis‘ Prosatext Die Lehrlinge zu Sais (1788) und Schillers Gedicht „Das verschleierte Bildnis zu Sais“ (1795) stehen in enger motivischer Verbindung zu Ann Radcliffes Gothic novel The Mysteries of Udolpho (1794). Eine Lektüre von Radcliffes Roman speziell mit Blick auf den Zusammenhang von Schleier und Erkenntnis ist Desiderat. Die Mysteries stehen deswegen im Fokus dieses Beitrages. Es ist nicht nachzuweisen, ob Radcliffe von Novalis‘ Romanfragment Kennt- nis hatte. Belegt ist aber, dass Schleier im Zeitalter der Aufklärung in Literatur, Wissenschaft und Künsten ubiquitär waren.2 Nicht zufällig findet sich etwa eine weibliche Gestalt, die ihre Nacktheit teilweise mit einem Schleier verhüllt, auf dem Titelkupfer der Encyclopédie (1751-1780) von Denis Diderots und Jean- Baptiste le Rond d’Alemberts. Verbunden waren Schleier-Darstellungen häufig mit der Figur der Göttin Isis. Yvonne Wübben resümiert: 1 Vgl. dazu etwa die Beitr...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.