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Die Dialektik des Geheimnisses

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Edited By Grazyna Kwiecinska

Was mag «Dialektik des Geheimnisses» heißen? Geheimnisse können enthüllt werden, wenn auch nicht immer mit Erfolg, und es gibt offene Geheimnisse, von denen nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Doch es gibt auch Geheimnisse, die es bleiben und über die man nur Vermutungen anstellen kann, zumal auf den Spuren der hermetischen Literatur. Es ist eine Hermetik, die sich nicht in gewöhnlicher Kommunikationsverweigerung erschöpft, sondern – mit Adorno gesprochen – dialektisch verfasst ist: Ihr Schweigen soll als ein Zeichen, als eine öffentliche Bekundung im weitesten Sinne verstanden werden. Der Betrachtungszeitraum dieses Bandes beginnt im 18. Jahrhundert mit Hamann, Goethe und Novalis. Von dort aus wird ein Bogen ins 21. Jahrhundert geschlagen, bis hin zu Yoko Tawadas Celan-Übersetzung und der Holocaustliteratur der dritten Generation. Das behandelte Textfeld umfasst über die klassische Sphäre hinaus auch politische Programme und kulturphilosophische Entwürfe. Dementsprechend reicht die Bandbreite der verwendeten Methodologien von Ideen- und Diskursgeschichte bis hin zur Textrhetorik, Intertextualität und Intermedialität.

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Paweł Piszczatowski: Schwimmhäute zwischen den Worten Celans Atopien der Gleichzeitigkeit

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Schwimmhäute zwischen den Worten Celans Atopien der Gleichzeitigkeit Paweł Piszczatowski IHN RITT DIE NACHT, er war zu sich gekommen, der Waisenkittel war die Fahn, kein Irrlauf mehr, es ritt ihn grad – Es ist, es ist, als stünden im Liguster die Orangen, als hätt der so Gerittene nichts an als seine erste muttermalige, ge- heimnisgesprenkelte Haut.1 Die nahezu balladeske Schilderung des nächtlichen Ritts in Celans zweitem Ge- dicht aus dem Band Lichtzwang konzentriert sich um die Wortreihe: zu sich kommen – heim – ge-heim. Fixiert werden diese Elemente an die Projektionsflä- che der nackten Haut: Das Zu-Sich-Kommen erscheint als Entblößung, als Zu- stand der ursprünglichen Nacktheit und geradelinige Rückkehr zu dem geburtar- tigen Ausgeliefertsein im Zeichen eines passiven Getragen-Werdens. Gleichzei- tig schrumpft die Zeitempfindung zusammen. Eingeleitet wird dieser Prozess durch die temporale Verschiebung im ersten Vers, in welchem das Zu-Sich- Kommen dem Geritten-Werden vorangestellt wird und somit nicht als dessen naturgemäße Folge, sondern als ein bereits Geschehenes in der Vorzeitigkeit da steht. In der zweiten „Strophe“ wird ebenfalls auf Vorzeitiges rekuriert, indem das grade Geritten-Werden an die Stelle des voran gestellten Irrlaufs tritt, wobei Aktives (Lauf) durch Passives zurück gedrängt wird und die animisierte Nacht dem unpersönlichen „Es“ weicht. Dieses Es bildet zugleich den syntaktischen Ansatz zum assoziativen Spiel mit der Realitätswahrnehmung in der letzten Strophe. Die narrativen Tempora der beiden ersten Teile des Gedichts ver- schwinden zu Gunsten eines irrealen Konditionalvergleichs. Das reitende „Es“ ist nun. Das Vergangene tritt...

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