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Galizien im Diskurs

Inklusion, Exklusion, Repräsentation

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Edited By Paula Giersch, Florian Krobb and Franziska Schößler

Die politischen Grenzen des habsburgischen Kronlands Galizien wurden 1772 wie auf dem Reißbrett festgelegt, so dass ein überaus heterogenes Gebilde entstand. Galizien war seitdem Projektionsfläche für unterschiedlichste politische und kulturelle Vorstellungen, für identitäre Fragen der Zugehörigkeit und der Abgrenzung sowie für vielfältige Versuche, die Fremdheit und das Bedrohungspotenzial der ‘östlichen’ Region zu fixieren. Der Band rekonstruiert die einschlägigen Diskurse über Galizien, wie sie zunächst in Statistiken und Reiseberichten des 18. Jahrhunderts fassbar werden. Noch die Texte jüdischer Schriftsteller und Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts, die die traumatische Vernichtung der ostjüdischen Shtetl-Welt bearbeiten, nehmen kritisch auf diese Bezug. Zugleich soll gezeigt werden, dass Ansätze wie die Diskursanalyse und die postkolonialen Studien den Untersuchungsgegenstand neu konturieren.

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I. Peripherie und Zentrum

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»Das ist nun einmahl slawische Sitte!«1 Die Bewohner Galiziens in Reiseberichten des späten 18. Jahrhunderts Ritchie Robertson Im Jahre 1772 wurde das seit Jahrzehnten von bürgerkriegsähnlichen Wir- ren heimgesuchte Königreich Polen seiner Unabhängigkeit beraubt und unter den drei Nachbarstaaten Preußen, Russland und Österreich aufge- teilt. Bei dieser ersten Teilung Polens fiel Österreich eine neue Provinz zu, die nach den mittelalterlichen Fürstentümern Halicz und Wladimir als ›Königreich Galizien und Lodomerien‹ bezeichnet wurde. Drei Jahre spä- ter erwarb Österreich auch das benachbarte Gebiet Bukowina, das, früher im Besitz der Türkei, jetzt Galizien mit der südlich gelegenen Provinz Siebenbürgen verband. Damit gelangte Österreich in den Besitz eines Landes mit einer seltsam bunt gemischten Bevölkerung. Zu den Haupt- gruppen gehörten der polnische Adel, die ruthenischen Bauern oder ›Ruß- niaken‹ und die Juden, die als Händler und Wirte die fehlende Mittelklasse gewissermaßen ersetzten.2 Über diese Bevölkerungsgruppen informieren Quellen verschiedener Art. Zum einen gibt es amtliche Berichte, wie die vom Grafen Pergen, dem ersten Gouverneur Galiziens, im Juli 1773 verfasste Darstellung über die politischen Verhältnisse in der neuerworbenen Provinz. Hinzu kommen halbamtliche Dokumente wie etwa der Reisebericht Joseph Ratschkys, der als »Hofcon- cipist bei der vereinigten Böhmisch-Österreichischen Hofkanzlei« im Jahre 1783 den »Leiter der galizischen Geschäfte in der Hofkanzlei«, Johann Wen- zel Margelik, bei einer Inspektionsreise durch Galizien begleitete, wobei er sein Hauptaugenmerk auf Wirtschaft und Bildungswesen richtete; weiter- hin die...

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