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Der Osten des Ostens

Orientalismen in slavischen Kulturen und Literaturen- Unter Mitarbeit von Yvonne Pörzgen

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Edited By Wolfgang Stephan Kissel

Die Beiträge dieses Bandes belegen, dass der Begriff des Orientalismus zu einem wichtigen Arbeits- und Erkenntnisinstrument der kulturwissenschaftlich erneuerten Slavistik geworden ist. Der Plural «Orientalismen» öffnet das Feld für sehr verschiedenartige Konstellationen, die vom Kaukasus in der russischen Romantik über die Ägypten-Bilder der russischen Moderne bis zu den Filmschulen Mittelasiens und zum Tschetschenien-Konflikt, vom polnischen Barockzeitalter bis zum Avantgarde-Roman der Zwischenkriegszeit und zu neueren polnischen Russland-Bildern, von der kroatischen Literatur der Romantik bis zu bosnischen Identitätsdiskursen der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts reichen. Dabei werden Verfahren, Symbole, Metaphern und Diskurse vorgestellt, die zur Konstruktion von Orient in slavischen Kulturen und Literaturen beigetragen haben – zum ‘Osten des Ostens’.

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II. Russische Orientalismen: Kaukasus – Ägypten – Mittelasien – Eurasien

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Thomas Grob (Basel) Eroberung und Repräsentation. ‚Orientalismus‘ in der russischen Romantik1 1. Postkoloniale Erzählungen Als im Jahr 1979 Jean-François Lyotard in seinem Buch La condition postmo- derne das Ende der Moderne und damit eine Postmoderne erklärte, tat er dies v.a. über die Analyse des Autoritätsverlustes der sogenannten grands récits, der „großen Erzählungen“ oder „Metaerzählungen“, die die Moderne und ihre Wis- sensformen geprägt hatten. Der „Atomisierung des Sozialen“ in der Gegenwart entspreche eine Auflösung der großen Deutungsmuster in „Sprachspiele“ im Wittgensteinschen Sinn: Wissen, so Lyotard, verliere seine Narrativität. So wür- den aufklärerische und idealistische Grundannahmen über eine teleologisch ge- richtete Geschichte abgelöst: Metanarrative von Unterdrückten und Unterdrü- ckern, von aufklärerischer „Emanzipation“ (Lyotard 1979, S. 112) verab- schiedet, die „universelle Metasprache“ in eine „Pluralität formaler und axioma- tischer Systeme“ (Lyotard 1979, S. 128) aufgelöst. Was allerdings an die Stelle dieser Metaerzählungen treten könnte, ist bei Lyotard erst angedeutet. Seither erleben wir, wie komplex dieser Prozess verläuft; im politischen und gerade im interkulturellen Bereich haben im Laufe der gewaltigen Umbrüche der letzten Jahrzehnte bereits ausgestorben geglaubte „Erzählungen“ – etwa sol- che nationaler und religiöser Art – plötzlich wieder Furore gemacht, neue sind aufgetaucht. Sie haben sich aber regionalisiert, was als Beleg für Lyotards These genommen werden könnte. Dem trugen die Kulturwissenschaften Rechnung, die eine steigende Sensibilität für die geographisch-kulturelle Bedingtheit von ge- sellschaftlichen...

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