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Der hinkende Vogel verfremdet den Flug

Physische Verfremdung in den Theatertexten Heiner Müllers

Ralph Fischer

Einschnitte, Wunden und ausgerissene Körperglieder, hinkende, stolpernde und stürzende Körper - motorische Devianzen, physische Defekte und Deformationen haben im Werk des Dramatikers, Lyrikers, Essayisten und Regisseurs Heiner Müller einen zentralen Stellenwert. Verwundete, geschundene und zerstückelte Körper, denen die Wund- und Narbenschrift historischer Konflikte auf die unerlöste Haut geschrieben ist, betreten mit all ihren Deformationen, Auswüchsen und Schmerzen das Licht der Szene: Müllers Theatertexte entfalten eine Szenographie des Defekts. Ralph Fischer untersucht die spezifischen Darstellungsformen von Körper und Körperlichkeit in den Müllerschen Texten, ihre physische Verfremdung. Der Bruch mit Darstellungskonventionen wird bei Müller auf eine drastisch anatomische Ebene übersetzt: ein Öffnen, Zerbrechen und Variieren von Körperstrukturen, ein Tanz von Körperfragmenten im utopischen Zwischenraum von Mensch und Maschine. Diese Ästhetik des Defekts in seinen Texten setzt nicht nur nachhaltige Impulse für die postdramatische Theaterästhetik, sondern nimmt auch großen Einfluss auf die Heranbildung der Kinetik der Devianz in Performance und zeitgenössischem Tanz.

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Vorwort

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Die vorliegende theaterwissenschaftliche Studie untersucht die Körper-Insze- nierung im Werk Heiner Müllers als Beispiel einer postdramatischen Theater- ästhetik, die sich dem Paradigma einer kohärenten Fabel- und Figurenkonzeption widersetzt und eine neue ästhetische Logik entfaltet. Der Körper als elementares Material und Vorraussetzung von Theater und performativer Ästhetik wird in einen neuen Kontext gesetzt, der konventionelle Zuordnungen in Frage stellt. Die Szenographie der Defekte, Blessuren und Deformationen, die Müller in sei- nen Texten entwirft, markiert einen radikalen Bruch mit dem traditionellen Kon- zept eines individuell geprägten Körpers, das nachhaltigen Einfluss auf Paradigmen der Neuzeit ausgeübt hat, wie Ralph Fischer in Referenz zu kulturhistorischen Stu- dien (Stefanie Wenner), kritischer Theorie (Dietmar Kamper, Michel Foucault) und Gender Studies (Judith Butler) aufzeigt. Während im Diskurs der Moderne verstärkt der disziplinierte, arbeitstüchtige und individualisierte Körper, der in seiner Vitalität und Effizienz den Anforderun- gen der Industriegesellschaft entspricht, im Zentrum steht, tritt in Heiner Müllers Theater die ausgegrenzte und nicht mehr funktionsfähige Physis in Erscheinung. Die Szene ist bevölkert von Protagonisten, denen die Gewalt historischer Prozesse auf den Leib geschrieben ist, die aber zugleich auch, wie Fischer anhand zahlreicher Beispiele zeigt, Widerstand gegen die normative Kraft soziokultureller Diskurse artikulieren. Und dieser Widerstand findet auf einer physisch-kinetischen Ebene statt. Der Körper widersetzt sich, indem er nicht mehr funktioniert. Die Körper-Inszenierungen im Werk Heiner Müllers folgen einer spezifischen ästhetischen Strategie, die in der vorliegenden Studie als physische Verfremdung bezeichnet wird:...

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