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Der hinkende Vogel verfremdet den Flug

Physische Verfremdung in den Theatertexten Heiner Müllers

Ralph Fischer

Einschnitte, Wunden und ausgerissene Körperglieder, hinkende, stolpernde und stürzende Körper - motorische Devianzen, physische Defekte und Deformationen haben im Werk des Dramatikers, Lyrikers, Essayisten und Regisseurs Heiner Müller einen zentralen Stellenwert. Verwundete, geschundene und zerstückelte Körper, denen die Wund- und Narbenschrift historischer Konflikte auf die unerlöste Haut geschrieben ist, betreten mit all ihren Deformationen, Auswüchsen und Schmerzen das Licht der Szene: Müllers Theatertexte entfalten eine Szenographie des Defekts. Ralph Fischer untersucht die spezifischen Darstellungsformen von Körper und Körperlichkeit in den Müllerschen Texten, ihre physische Verfremdung. Der Bruch mit Darstellungskonventionen wird bei Müller auf eine drastisch anatomische Ebene übersetzt: ein Öffnen, Zerbrechen und Variieren von Körperstrukturen, ein Tanz von Körperfragmenten im utopischen Zwischenraum von Mensch und Maschine. Diese Ästhetik des Defekts in seinen Texten setzt nicht nur nachhaltige Impulse für die postdramatische Theaterästhetik, sondern nimmt auch großen Einfluss auf die Heranbildung der Kinetik der Devianz in Performance und zeitgenössischem Tanz.

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II. Theoretischer Teil

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Obwohl ich außer mir bin kann ich mir nicht näher kommen es liegt dazwischen. Frank Soehnle „Ich“ bin keine Person. Ich entstehe in jeden Moment, bleibe in keinem. Ich entstehe in der Form einer Antwort. In mir ist permanent, was auf solches antwortet, was permanent bleibt. „Meine“ Organe sind Organisationen, die sich ununterbrochen organisieren – zu einem bestimmten Zweck. Bertolt Brecht „Was tun Sie“, wurde Herr K. gefragt, „wenn Sie einen Menschen lieben?“ „Ich mache einen Entwurf von ihm“, sagte Herr K., „und sorge, daß er ihm ähnlich wird.“ „Wer? Der Entwurf?“ „Nein“, sagte Herr K., „Der Mensch.“ Bertolt Brecht 1. Über Körper sprechen So vielseitig die Stoffe, Motive und Themenbereiche in Texten Heiner Müllers auch sein mögen, stets nehmen Aspekte von Körperlichkeit eine zentrale Stel- lung ein. „Der Körper“, so Christian Klein, „erscheint als der Ort, an dem die Konflikte Gestalt annehmen, sich verschärfen und gewaltsam gelöst werden“7. In einem Interview mit Sylvère Lotringer reflektiert Heiner Müller den Zusam- menhang zwischen Denksystemen und verwundeter Körperlichkeit in seinen Texten: Ein Kritiker hat in meinen letzten Stücken einen Angriff auf die Geschichte gesehen, auf das lineare Konzept von Geschichte. Er las in ihnen die Rebellion des Körpers gegen Ideen, oder genauer: gegen die Wirkung von Ideen, von der Idee der Geschichte, auf menschliche Körper. Das ist in der Tat mein Punkt im Theater: Körper und ihr Konflikt mit Ideen werden auf die Bühne gewor-...

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