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Der hinkende Vogel verfremdet den Flug

Physische Verfremdung in den Theatertexten Heiner Müllers

Ralph Fischer

Einschnitte, Wunden und ausgerissene Körperglieder, hinkende, stolpernde und stürzende Körper - motorische Devianzen, physische Defekte und Deformationen haben im Werk des Dramatikers, Lyrikers, Essayisten und Regisseurs Heiner Müller einen zentralen Stellenwert. Verwundete, geschundene und zerstückelte Körper, denen die Wund- und Narbenschrift historischer Konflikte auf die unerlöste Haut geschrieben ist, betreten mit all ihren Deformationen, Auswüchsen und Schmerzen das Licht der Szene: Müllers Theatertexte entfalten eine Szenographie des Defekts. Ralph Fischer untersucht die spezifischen Darstellungsformen von Körper und Körperlichkeit in den Müllerschen Texten, ihre physische Verfremdung. Der Bruch mit Darstellungskonventionen wird bei Müller auf eine drastisch anatomische Ebene übersetzt: ein Öffnen, Zerbrechen und Variieren von Körperstrukturen, ein Tanz von Körperfragmenten im utopischen Zwischenraum von Mensch und Maschine. Diese Ästhetik des Defekts in seinen Texten setzt nicht nur nachhaltige Impulse für die postdramatische Theaterästhetik, sondern nimmt auch großen Einfluss auf die Heranbildung der Kinetik der Devianz in Performance und zeitgenössischem Tanz.

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IV. Nachwort

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Jedem die Chance, sich selbst zu verfremden. Heiner Müller In den Texten Heiner Müllers, die in dieser Arbeit sowohl als Material für poten- tielle Inszenierungen als auch als Inszenierung des Potentiellen betrachtet wur- den, wird eine sehr enge Verschränkung von Theorie und Theater, Sprache und Körper, Denken und Darstellung betrieben. Müller entwirft mit seinem Schrei- ben ein Theater der Theorie, das als Schauplatz von Betrachtungsweisen und als Versuchsfeld der Wahrnehmung fungiert. Die Technik der physischen Verfrem- dung, die in Müllers Texten zur Anwendung gelangt, bietet einen Ausblick auf einen neuen Modus der Darstellung und lässt zugleich neue Möglichkeiten der Wahrnehmung des Körpers, jenseits der kategorialen Muster, vorstellbar und denkbar werden. Müllers Schreiben konzipiert eine Ästhetik des produktiven Misstrauens, das alles Dargestellte in Frage stellt und alles Wahrgenommene mit einem permanenten Zweifel belegt: Kein Partikel der Wirklichkeit, weder die Zeit, der Raum noch der (eigene) Körper, kann als gesicherte, als unumstößliche Wahrheit vorausgesetzt werden. „Das Sicherste ist der Zweifel“ [BRECHT 2, 213], jene paradoxe Wendung aus Bertolt Brechts Lustspiel Mann ist Mann, könnte als Motto für Heiner Müllers Arbeit gelten. Der Prozess des kontinuierli- chen Bezweifelns, des Be- und Zerfragens überkommener Denk- und Wahrneh- mungsmuster führt notwendigerweise nicht zur Bestätigung bestehender (Macht)Strukturen, sondern bewirkt eine „blitzhafte Verunsicherung in der Ge- wißheit des Schrecklichen“ [M, 14], die alles vermeintlich Konstante in Frage stellt, das Bekannte fremd erscheinen lässt. Müllers Texte...

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