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Atheismus – in neuer Gestalt?

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Wolfgang Klausnitzer and Bernd Elmar Koziel

Während in der letzten Zeit viel von der «Wiederkehr der Religion(en)» die Rede war, sieht sich die Öffentlichkeit in westlichen Ländern zugleich mit einem unvermuteten Wiedererstarken eines eigentlichen Atheismus konfrontiert. Unter der seit 2006 verbreiteten Bezeichnung «Neuer Atheismus» melden sich Protagonisten oft lautstark und bekenntnishaft zu Wort: mit Berufung auf das aktuelle wissenschaftliche Weltbild behaupten sie die Unterlegenheit und Unhaltbarkeit jeder Orientierung, die im Sinne des Christentums und anderer Weltreligionen mit einer transzendenten Wirklichkeit rechnet. Stattdessen propagieren sie eine vollständig «naturalistische» Weltsicht. Eine angemessene Auseinandersetzung hat die heute vorgebrachten Argumente zu erwägen, sie aber auch in den Kontext der Religionskritik früherer Jahrhunderte zu stellen: Sie wird für ihren Teil das Gespräch anbieten, aber auch christlich Position beziehen.

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1. „Neuer Atheismus“

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„Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Ka- tastrophe nehmen.“ (Max Frisch) 1.1. Begriff Das neu erwachte Interesse an religiösen Fragen hat als Gegenbewegung den sogenannten „Neuen Atheismus“ hervorgebracht. Allerdings stellen sich ange- sichts dieses Begriffs zwei Fragen. • In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Debatte in den Sozial- wissenschaften von der Prognose der Säkularisierungsthese dominiert. Die Säkularisierungsthese lässt sich etwa so darstellen: Wo wirtschaftliches Wachstum stattfinde und wissenschaftlicher und technischer Fortschritt ei- ne zentrale Rolle spielten, verliere die Religion (und zwar jede Religion) zu- mindest gesellschaftlich fortwährend an Bedeutung. Dabei wird Religion gewöhnlich als Machtoption verstanden, die sich in einer institutionellen Gestalt organisiert. Sie werde allenfalls in einer völlig privatisierten Form überleben. Dies geschehe nicht in kontingenter Weise, das heißt, je nach den geschichtlichen und sozialen Umständen verschieden, sondern mit ei- ner geradezu ehernen Notwendigkeit aufgrund des Zuwachses an Wissen- schaft und Bildung, Humanismus, Freiheit, Gleichheit und aller anderen Er- rungenschaften der modernen, d.h. säkularen, Zivilisationsformen. Dieser Vorgang ereigne sich auch nicht konjunkturell, also für eine bestimmte Zeit, nach der dann wieder ein Aufschwung der Religion käme, sondern in einem fortdauernden Prozess uneingeschränkt irreversibel, nicht zurückholbar, und ganz radikal, d.h. nicht im Sinne einer Abnahme bis zu einem bestimm- ten Niveau, sondern im Sinne eines absehbaren vollständigen Verschwin- dens der Religion von dieser Erde. Das war schon die These von Karl Marx, Friedrich Nietzsche, Auguste Comte...

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