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Die poetischen Ikonenmalereien Robert Walsers

Antje Neher

Aus «irdisch Zwei mach göttlich einfältig Eins» ist Bildsprache der sich wie eine Kinderzeichnung perspektivisch verdichtenden Ikone, die sich als gemaltes Gebet in die orthodoxe Liturgie einbettet. Gottesdienst und Ikone erweisen sich mit der Polyphonie der Gregorianik, des Narren in Christo und des Starzentums als Einstimmigkeit von Gott und Mensch im Lichte der Gotteskindschaft, die den irdischen Zwiespalt von Herr und Knecht überwinden. Davon ausgehend zieht diese Untersuchung anhand des «Jakob von Gunten»-Romans Verbindungslinien zwischen der Ikonenmalerei und der poetischen Liturgie Robert Walsers und ihrer gleichfalls einfältig verdichteten Herr-Diener-Ebenen. Dabei schälen sich transkulturelle und -religiöse Meridiane heraus, die den Fragenkomplex dieser Arbeit maßgeblich erweitern, um so einen neuen, auch kontemplativen Zugang zu Robert Walsers Dichtung allgemein zu eröffnen.

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1. Einleitung

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Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Verknüpfung von Motiv und Erzähl- struktur in Robert Walsers Roman „Jakob von Gunten“. Hierbei liegt das beson- dere Augenmerk auf der Herr-Diener-Beziehung als religiöses, existenzielles und dichterisches Geschehnis. Die Leitlinie der Fragestellung wird sein, inwie- weit sich ihre Verwobenheit im sprachlichen Bewegungsverlauf des Romans widerspiegelt. Der Fokus richtet sich hier insbesondere auf die prozessuale Überwindung der Herr-Knecht-Dualität in Robert Walsers Schreiben, um sie als untrennbare Einheit einfältig zu verdichten. „Aus Zwei mach (einfältig) Eins“ ist auch Bildsprache der gleichermaßen perspektivisch verdichtenden Ikone. Bei ihr stehen die Ich-Perspektive, eine Hell-Dunkel-Modellierung und eine differenzierende Plastizität mit räumlicher Tiefenwirkung nicht im Vordergrund. Sie formuliert sich so gleich einer Kinder- zeichnung aus einer einfältig verdichtenden Sicht, um den alles umfassenden göttlichen Blick widerzuspiegeln, der den irdischen Schein, die verfinsternde Schalkheit1 der Dualität im einenden Punkt des Seins auflöst. „Das Auge ist des Leibes Licht. Wenn dein Auge einfältig ist, wird dein ganzer Leib licht sein.“2 Insbesondere die Lasurtechnik der Ikonenmalerei arbeitet mit der polyphonen Vielschichtigkeit der durchscheinenden Farben. Ihre diffizilen Nuancen wollen den überirdischen Glanz der göttlichen Einfalt nachzeichnen, in welchem sich alle Farben als All-Eines zusammenfügen. Die Ikone bettet sich als gemaltes Gebet in die orthodoxe Liturgie.3 Im or- thodoxen Gottesdienst wird wie in allen religiösen Initiationen die Heilsge- schichte zwischen Gott und Mensch, Herr und Knecht unmittelbar vergegenwär- tigt. Die Versenkung in die Gotteskindschaft, in das...

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