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Die poetischen Ikonenmalereien Robert Walsers

Antje Neher

Aus «irdisch Zwei mach göttlich einfältig Eins» ist Bildsprache der sich wie eine Kinderzeichnung perspektivisch verdichtenden Ikone, die sich als gemaltes Gebet in die orthodoxe Liturgie einbettet. Gottesdienst und Ikone erweisen sich mit der Polyphonie der Gregorianik, des Narren in Christo und des Starzentums als Einstimmigkeit von Gott und Mensch im Lichte der Gotteskindschaft, die den irdischen Zwiespalt von Herr und Knecht überwinden. Davon ausgehend zieht diese Untersuchung anhand des «Jakob von Gunten»-Romans Verbindungslinien zwischen der Ikonenmalerei und der poetischen Liturgie Robert Walsers und ihrer gleichfalls einfältig verdichteten Herr-Diener-Ebenen. Dabei schälen sich transkulturelle und -religiöse Meridiane heraus, die den Fragenkomplex dieser Arbeit maßgeblich erweitern, um so einen neuen, auch kontemplativen Zugang zu Robert Walsers Dichtung allgemein zu eröffnen.

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3. Arabeske als Kontur eines literarischen Ikonenbildnisses

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Die Arabeske als Kontur des Narren und der Ikone figuriert die Verschlungenheit der Herr-Knecht-Konfiguration im „Jakob von Gunten“-Roman. Die Linienfüh- rung der Arabeske wird in der Forschungsliteratur bezüglich der romantischen Ironie als prägende Morphologie der Sprache Robert Walsers herausgearbeitet.50 Hinsichtlich Schlegels Ironiebegriff und der Verbindung zum Stilmittel der Ara- beske als poetische Spielart des Paradoxen sieht man im wissenschaftlichen Diskurs einen wichtigen Zusammenhang zu der Positionierung Robert Walsers als Ironiker und modernen Autor. Friedrich Schlegel vermischte den Begriff des närrischen Humors mit dem der Ironie.51 Der Ironiebegriff koppelte sich damit unmittelbar an die sprach- strukturelle Gestalt des Narren. Der weise Narr jedoch überwindet das wertend Trennende der Ironie und Selbstironie, um es wie in einem Ikonenbildnis als Ganzes zusammenzufügen. Die Einfältigkeit überirdischer Liebe heilt ihre scharfe Zunge, die sich gegen alles, auch gegen sich selbst richtet. Insbesondere die antike Philosophie, auf die sich Schlegel in seinen Entwür- fen bezog, betrachtete die Ironie mit Vorsicht.52 Sokrates wertete sie hierbei als hinterlistige Eitelkeit der sich selbst profilierenden, menschlichen Vernunft, die sich vom göttlichen und allumfassenden, sich unmittelbar einverleibenden nomos absondere;53 an Platons Ausführungen zur Tyrannei sei hier erinnert. Die Ver- schiebung des antiken Kynismus zum modernen Zynismus parallelisiert sich zu 50 Unter anderem Andres, Susan: Robert Walsers arabeskes Schreiben. Göttingen: Cuviller-Verlag 1997; Bleckmann, Ulf: „…ein Meinungslabyrinth, in welchem alle, alle herumirren“. Intertextualität und Metasprache als Robert Walsers Beitrag zur Moderne. Frankfurt a.M.: Peter Lang 1994; Masini, Feruccio: Robert Walsers...

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